Am 4. März findet die 90. Verleihung des weltweit wichtigsten Filmpreises statt: Die Oscars. Ein Anlass, die Filmbranche auf ihr emanzipatorisches Potential abzuklopfen. Ist Hollywood zu wenig divers, was #Oscarssowhite suggeriert? Werden Frauen in der Schweizer Filmförderung diskriminiert? Wann haben wir zum letzten Mal eine Schwarze Superheldin gesehen? Und ist das alles überhaupt relevant?

«Ich schaue halt Filme und Serien zur Unterhaltung und wenn da manchmal übertrieben oder stereotypisiert wird - das muss man halt differenzieren können», kommentieren auch viele Linksradikale ihren Netflix-Konsum. Das mag stimmen, wenn Kultur eine abgeschlossene und rational erfassbare Blase wäre, die uns nur dann beeinflusst, wenn wir vor dem TV etwas den Kopf ausschalten möchten. Dem ist nicht so. Wenn Polizist*innen Schwarze junge Männer auf der Strasse erschiessen, weil sie diese für gefährlich oder verdächtig halten, kann das mit den rassistischen Stereotypen zu tun haben, die in weltweit beliebten Filmen reproduziert werden. Wenn ich als Frau gelernt habe, dass man es mit ein wenig Sexyness ganz weit bringen kann und dass Eigenständigkeit überbewertet ist, kann dies mit den Serien zu tun haben, welche ich mir als Teenagerin reingezogen habe und mit deren Stars ich mich identifizierte. Und oft ist kein Gegenentwurf zur sexy College-Studentin oder zum Schwarzen Gangster bekannt. Es ist nun mal so: Medien transportieren Inhalte, schaffen Bilder und Identitäten. Gesellschaftliche Normen und Verhältnisse werden durch emotionale Geschichten der Populärkultur gestärkt. Deshalb lohnt es sich zu untersuchen, wie die Bilder entstehen, die wir bewusst oder unbewusst konsumieren. Beginnen wir deshalb mit der grössten und einflussreichsten Plattform für kommerzielles Kino: den Oscars!

#OscarsSoWhite - Die Debatte

Jährlich verfolgen ca. 800 Millionen Menschen weltweit die Verleihung des Oscars, des glamourösesten Filmpreises überhaupt. Der grösste Zuspieler für die Oscars ist Hollywood, wo weltweit am meisten Geld durch Filmproduktionen umgesetzt wird. Dass Hollywood keineswegs ein repräsentatives Abbild der Bevölkerung darstellt, sah man bei den Oscars 2015 in aller Deutlichkeit. Keine nicht-weisse Schauspieler*in war in den vier wichtigsten Kategorien nominiert, keine weibliche Regie, keine Kamerafrau* – obwohl es nennenswerte Anwärter*innen gab. Die Nominationen waren vor allem weiss und männlich. Die Juristin und Twitter-Userin April Reign gründete daraufhin den Hashtag #OscarsSoWhite, worunter Tausende ihrem Frust freien Lauf liessen.

«40 white actors in 2 years and no flava at all. We can’t act?! WTF!!», empörte sich Spike Lee über Instagram, in Anbetracht der durchs Band weissen Oscarnomination.

Resultat war eine weltweit geführte Debatte über die Sichtbarkeit von Minderheiten in Hollywood und das Versprechen seitens der (notabene afroamerikanischen) Academypräsidentin Cheryl Boone Isaacs, für mehr Diversität im Kulturbetrieb zu sorgen. Diversity ist eine Strategie gegen die Diskriminierungen, welcher Minderheiten in der weissen, heteronormativen, patriarchalen Gesellschaft ausgesetzt sind. Die Idee ist relativ einfach: Anstelle von weissen, schlanken, schönen und perfekten Sitcom-Familien sollen andere Realitäten abgebildet werden. Queere, Schwarze Superheld*innen sollen anstelle vom weissen Superman die Welt retten und dunkelhäutige Menschen sollen nicht nur in Gangster-Drogen-Mafia-Milieus gezeigt werden, sondern auch im sogenannt normalen Leben. Um eine solidarischere und bessere Welt zu erreichen, soll jede Minderheit eine Stimme bekommen. Zumindest durch eine*n Repräsentant*in im Kulturbetrieb. Klingt relativ simpel, warum ist es denn so schwierig?

Was läuft falsch in Hollywood?

Das Zielpublikum ist traditionellerweise eine weisse, männliche und vor allem zahlkräftige Mittelschicht. Schliesslich sollen Kinotickets verkauft werden. Ein Trugschluss selbst aus kapitalistischer Logik, schliesslich sind immerhin 50% der Bevölkerung Frauen*. Und zu glauben, dass Frauen* nur wegen John Snow und Khal Drogo für Game Of Thrones bezahlen, ist etwas gar einfach. Doch wie kann man feststellen, ob ein Film emanzipatorisch ist? Der Bechdel-Test beispielsweise ist ein 1985 entwickeltes Set an Fragen, um Stereotypisierung weiblicher Figuren im Spielfilm zu erkennen und zu beurteilen. Die Fragen lauten:

  1. Gibt es mindestens zwei Frauenrollen?
  2. Sprechen sie miteinander?
  3. Unterhalten sie sich über etwas anderes als über einen Mann?

Die Anwendung des Bechdel-Tests auf die meisten kommerziellen Filme zeigt ein eher trauriges Bild. Bei Game of Thrones beispielsweise fallen 49 von 67 Episoden durch, genauso wie die gesamte Lord of the Rings-Triologie, die alte Star Wars-Triologie, Avatar und Finding Nemo. Bei Schwarzen Frauen findet sogar eine zweifache Stigmatisierung statt: Als Frau und als Person of Color. Die Art und Weise, wie Schwarze Frauen dargestellt werden beeinflusst, wie die Gesellschaft Schwarze Frauen wertet, identifiziert und idealisiert.

Die Stereotypisierung Schwarzer Frauen im Film lehnt sich sehr häufig an Bilder aus der Zeit der Sklaverei an. Schwarze Frauen waren entweder Sexobjekt für ihren weissen Herren oder aufopfernde Haushälterin.

Ein System in Zahlen – Der typische Held


Dass Frauen und insbesondere Women of Color bei den Preisverleihungen diskriminiert werden, erstaunt nicht. Ein Blick auf die Zusammensetzung der Oscar-Academy enthüllt: Unter den rund 7000 Mitgliedern sind 94 Prozent weiss, 77 Prozent männlich und das Durchschnittsalter liegt bei 62 Jahren. Doch abgesehen von der sehr homogenen Zusammensetzung der Academy: Die Jury kann natürlich nur die Filme bewerten, die überhaupt zur Auswahl stehen. Da sich die Sichtbarkeit von Minderheiten stark am Cast eines Filmes zeigt, schauen wir uns die Sprechrollen der populärsten Filme von 2007 bis 2015 genauer an. Um von der Statistik erfasst zu werden und als «Sprechrolle» zu gelten, muss der Charakter lediglich ein Wort sagen. Die Auswertungen der USC Annenberg ergeben: Bei 800 ausgewerteten Filmen und 35’205 Sprechrollen beträgt das Verhältnis von Frauen zu Männern 1:2⅓. Dazu kommt, dass es 2015 unter den hundert beliebtesten Filmen lediglich bei 32 eine weibliche Hauptrolle gab, gar nur drei nicht-weisse Frauen. Weiter laufen Frauen viel eher Gefahr, in ihren Rollen sexualisiert gezeichnet zu werden als Männer. Bezeichnend ist auch die Darstellung in Animationsfilmen. Die Taille ist oftmals fast gleich dünn wie der Oberarm der weiblichen Figur und mangelnder Platz für inneren Organe kann wohl kaum mit kompensierender Charakterstärke wegargumentiert werden. Künstlerische Freiheit hin oder her: Würden wir in einer «Filmwelt» leben und hätten das gezeigte Geschlechterverhältnis, könnte sich unsere Gesellschaft kaum mehr reproduzieren.

Über Geld und gute Filme


Die Oscar-Academy hatte sich sehr bemüht, für das Jahr 2018 eine diversere Liste zu erstellen. Greta Gerwig beispielsweise ist 2018 die 5. Frau überhaupt, die in der Kategorie «Beste Regie» nominiert wurde, Rachel Morrison gar die erste Kamerafrau seit der Gründung der Oscars 1929. Dass so wenige Regisseurinnen für die Oscars nominiert werden hat - ähnlich wie bei der Nomination von Schwarzen Schauspielerinnen - nicht unbedingt damit zu tun, dass die einfach alle schlechte Filme machen, sondern dass Frauen ihre Filme einfach viel schwerer finanziert bekommen. Dafür werfen wir einen Blick auf die Schweiz, denn auch hier präsentieren sich die gleichen Unausgewogenheiten. Gemäss Statistiken werden ungefähr ein Drittel aller Filmprojekte von Frauen eingereicht, die aber nur ca. 20% aller Gelder erhalten. Die NZZ hat sich dieser Problematik angenommen und vier Schweizer Regisseurinnen zu Produktionsbedingungen in der Schweiz befragt. Bettina Oberli, die Regisseurin von Private Banking, stellt dabei die These auf: «Je mehr Geld im Spiel ist, desto weniger gibt man es in die Hände einer Frau». Eine Stoffentwicklung würde man einer Frau noch eher zutrauen, so Oberli, aber je weiter in der Produktion, desto grösser die Budgets, desto eher traue man diese Männern zu, denen man auch «typisch männliche Eigenschaften» zuschreibt. Durchsetzungskraft, Autorität, eine harte Hand was Verhandlungen anbelangt. Mehr Frauen in Regiepositionen könnten jedoch durchaus Teil der Lösung des Diversity-Problems sein. Es erstaunt kaum: Weibliche Regisseurinnen produzieren mehr Filme mit weiblichem Cast und zeichnen realistischere Frauenbilder. Dazu kommt, dass mit einer weiblichen Regie auch mehr Frauen in Schlüsselpositionen hinter der Kamera stehen.

Die Wahl von Bettina Oberli als Regisseurin von «Private Banking», einem Film über das Schicksal einer Schweizer Privatbank, hat überrascht. Schliesslich ist dies ja kein «Frauenthema»...

Let's go to Hollywood?

Der weisse, heterosexuelle Mann ist Vertreter eines kaufkräftigen Milieus. Durch mehr Diversität erhofft sich die amerikanische Medienindustrie neue Marktsegmente und einen grösseren Absatzmarkt. Doch warum soll uns hier in der Schweiz überhaupt interessieren, was in Hollywood passiert? Ist Gleichberechtigung hergestellt, wenn die in Hollywood gezeigten Filme nur divers genug sind? Hier wird das Problem mit Konzepten wie Diversity und Identitätspolitik gut sichtbar. Diversity als Strategie funktioniert nicht immer als Rezept zum Umgang mit gesellschaftlichen Problemen. Die Welt wird vielleicht höchstens in Bezug auf aufklärerische Ideale besser, wenn sie etwas bunter gestaltet wird, aber nicht absolut. Und schon gar nicht, wenn Diversity als Vermarktungsstrategie für eine Teilnahme an den Oscars funktionieren soll. Und doch: Filme sind ein Abbild der Gesellschaft. Rassistische und sexistische Klischees reproduzieren sich nicht nur in der quantitativen, sondern auch über die qualitative Darstellung. Also zählt nicht nur die Unsichtbarmachung bestimmter Minderheiten, sondern auch die Zuschreibung der Rollen und die Wahl des Milieus. Ein System der Unterdrückung wird nicht nur durch stilles Zustimmen aufrechterhalten, sondern auch durch ganz konkrete Zuspieler – wie beispielsweise dem Einfluss von Filmen.

Bilder: 1.Image Group LA/A.M.P.A.S 2.John M. Stahl (1934): Imitation of Life, Videostill 3. srf/sava hlavacek