Als das Ajour-Magazin im März online ging, durfte man durchaus freudig gespannt darauf sein, wie die Redaktion Debatte und Klärung in der radikalen Linken1 der Schweiz vorantreiben will. Zumindest wurde im Vorfeld des Release in informierten Kreisen gemunkelt, dass genau dies ein Zweck des neuen Magazins sein soll. Und schliesslich schaffte es diese Absicht auch auf die Homepage des Projekts. «Ajour hält auf dem Laufenden, übt Kritik und fördert Debatten», steht dort in der Selbstbezeichnung. Nach etwas über zwei Monaten ist aber ein wenig Ernüchterung eingekehrt. Neben Demo-Berichten, Recherche-Artikeln und Interviews findet sich wenig, was man als Debatte oder Kritik im engeren Sinne fassen kann.

In der Redaktion finden sich durchaus Köpfe, die der Erklärung und Kritik zugeneigt sind. Aber irgendwas scheint zu klemmen. Liegt es an der schlichten Kapitulation vor dem theoretischen Kraftakt, der natürlich verglichen mit einem Demobericht in einer schlechten Relation zu den Klickzahlen steht? Oder an der Angst, Dinge auszusprechen, die in der überschaubaren Szene in Zürich und anderswo für Verstimmung sorgen könnten? Oder aber einfach an der Unterschätzung der eigenen Fähigkeit, einen mehr oder weniger kühnen Gedanken zu einem Debattenbeitrag formen zu können? Vermutlich spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Es wäre aber falsch, das Fehlen einer Debatte dem Ajour-Kollektiv anzulasten, wenngleich es natürlich seinen Beitrag zum Zustand der hiesigen Debattenkultur leistet. Die Abwesenheit von Auseinandersetzungen verweist auf ein viel tieferliegendes Problem: Auf die Unfähigkeit der Schweizer radikalen Linken, Kritik zu ertragen, dadurch Verstand und Argument zu schärfen und so schliesslich auf eine Weise in einen Austausch zu treten, die nicht nur der Festigung der eigenen Position, sondern vor allem dem Verständnis der Welt zuträglich ist. Diesen Umstand auszusprechen, handelt einer*einem radikalen Linken hierzulande keine besondere Gegenliebe ein. Ihn zu erklären und damit an seiner Überwindung zu arbeiten, wird aber voraussichtlich erst recht für einige Verstimmung sorgen. Trotzdem soll der Versuch im Folgenden unternommen werden, in der Hoffnung, dass sich die absehbare Wut nicht gegen den Überbringer der Nachricht, sondern gegen die Totenstille richtet.

Theorie und Aktivismus. Die Suspendierung revolutionärer Dialektik

Doch zuerst zur Vorarbeit: In der Schweiz – einem Land der Denkfaulheit und des Antiintellektualismus – ist es notwendig, grob zu umreissen, warum denn Erkenntnis überhaupt wichtig und die eingeforderte Debatte darum unverzichtbar ist, weil sie auch zur Prüfung und Relativierung der eigenen vorläufigen Erkenntnisse an den Einsichten anderer dienen kann. Es liegt erst mal auf der Hand, dass man den Kapitalismus dann besser bekämpfen kann, wenn man ihn halbwegs versteht und nicht Josef Ackermann mit dem Kapitalverhältnis verwechselt. Um eine adäquate Strategie zu entwickeln, muss man neben den Verteidigern des Bestehenden eben auch die gesellschaftlichen Verhältnisse kennen. Zudem ist es von Vorteil, wenn die eigene Analyse und Agitation etwas mit den realen Umständen zu schaffen haben und nicht nur halbwegs korrekt wiedergegebene Gedanken toter Männer sind – man möchte ja angehört werden.

Die hohe Fluktuation innerhalb der radikalen Linken dürfte unter anderem auch damit zusammenhängen, dass sich ihre handelsüblichen Protagonist*innen meist über ziemlich hektisches Anrennen gegen das besonders Schlimme bestimmen lassen. Im schlechteren Falle sogar dadurch, dass sie nur noch Ausschau nach Themen halten, die für die Reproduktion der ewig gleichen Formen des Aktivismus brauchbar sind. So stellt man sich dann bloss noch die Frage, welcher aufgeladene Inhalt möglichst viele Leute mobilisiert. Die gedankliche Durchdringung des zu bekämpfenden Gegenstandes ist hierzulande in aller Regel nicht so angesagt. Das ist eine recht instabile Basis für längerfristige politische Betätigung. Dies zeigt sich einerseits häufig beim Übertritt vom rebellischen Student*innen- oder generell Jugend-Daseins zum harten Arbeitsalltag, welcher oftmals mit dem Absprung aus dem radikalen Milieu einhergeht. Zum anderen legt davon der recht problemlose Wechsel vom politischen Aktivismus zur sonstigen Outlaw-Existenz in Fankurve oder Feierabendbande Zeugnis ab. Anschauungsmaterial für dieses Problem bieten die sogenannten militanten Demos – die natürlich in bestimmten Situationen angemessen und notwendig sind – mit ihren grösstenteils doch recht jungen Teilnehmer*innen.

Das ist alles direkt einzusehen, aber es sind nur recht oberflächliche Argumente. Denn Erkenntnis – nennen wir sie beim in der radikalen Linken üblichen Namen: Theorie – ist nicht etwas ausser der Welt hockendes, etwas, das im Kopfe entwickelt wird und erst durch praktische Anwendung des Gedankens in die Welt kommt. Theorie und Praxis sind nicht schroff voneinander getrennt. Handeln und Erkenntnis setzen sich sowohl gegenseitig voraus, wie sie sich auch hervorbringen. Ob nun beim Feuermachen oder der Konstruktion von elektrischen Apparaturen: keine Flamme ohne die theoretische Kenntnis des Anzündmaterials und keine Entwicklung der Maschine ohne ihre praktische Anwendung und deren Auswertung. In vergangenen Zeiten konnten sich so auch revolutionäre Theorie – etwa in Form strategischer Perspektiven – und praktischer Kampf gegen die Welt wechselseitig befördern. Oder wie ein gewisser Karl Marx mal sagte: «Die Theorie wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen erfasst» – und umgekehrt führt die praktische Veränderung der Welt wieder zu Einsichten. Dummerweise ist dieser Zusammenhang in Bezug auf umwälzende Praxis in der Schweiz heute ziemlich gründlich zerrissen2, darum stehen sich Aktivismus und Theorie bei den meisten Linken recht unvermittelt gegenüber. Und darum ist es bei den Bewegten eben tatsächlich bloss Aktivismus und nicht das was sie zu betreiben vorgeben: Umwälzende Praxis.

Einige zerbrechen sich den Kopf über Strategien für die Sozialdemokratie oder eine ihrer kleineren Kopien und belügen sich so selber über ihre gesellschaftliche Wirkungsmacht. Andere organisieren die hundertste Demonstration und kümmern sich dabei vor allem um das Anwachsen der eigenen Gruppe, während sie ihr Beschäftigungsprogramm zur «revolutionären Praxis» hochstilisieren. Wiederum andere haben es sich in ihren linken Biotopen angenehm eingerichtet und kultivieren das Lebensgefühl des Widerstands in Form von Mode, Regelverstoss und Musikgeschmack, ohne das Gesamtunheil überhaupt noch zu registrieren. Und einige – von denen es in der Schweizer radikalen Linken allerdings wenige gibt – haben sich derart tief in den Büchern vergraben, dass sie zwar bibelfeste Radikale geworden sind, aber den Fuss kaum auf den Boden und erst recht nicht auf die Strasse kriegen. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie umwälzende Praxis und revolutionäre Theorie nicht mehr als vermittelte Einheit kennen. Das ist nun nur teilweise den genannten Gruppen anzulasten, sondern vor allem ein Problem der gesellschaftlichen Realität. Die versteinerten Verhältnisse wollen partout nicht zu tanzen beginnen, auch wenn man ihnen noch so oft die eigene Melodie vorsingt. Dennoch muss man sich vor der eigenen gesellschaftlichen Ohnmacht nicht unbedingt gleich in die Selbstbeschränkung flüchten.

Geduld und Ironie. Einen Ausweg gibt es wohl gerade nicht

Ein erster Schritt aus dem selbstgewählten Ghetto wäre der Versuch, die eigene Bornierung durch den Austausch mit den anderen Beschränkten zu überwinden. Stattdessen ist leider allenthalben das verbissene Festhalten an der eigenen Peer-Group und Identität festzustellen. Jeder, der sich ein wenig in der radikalen Linken der Schweiz bewegt hat, kennt das Problem: Kritik wird oftmals als Diffamierung von Person oder Gruppe aufgefasst, die Antwort erfolgt als Angriff auf die*den Kritiker*in statt als inhaltliche Auseinandersetzung3. Sie*er wird als unsolidarisch markiert, soll sich an der vermeintlichen Praxis versündigt haben oder gilt als abgehoben*er Theoretiker*in. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass die*der kritisierte Aktivist*in das eigene Lebensprojekt bedroht sieht, den täglichen Aufwand für eine bessere Welt und letztlich ihre*seine Identität in Frage gestellt sieht. Um dieser Panik zu entkommen, gälte es vermutlich zweierlei Eigenschaften zu entwickeln, ohne die wir Anarchist*innen und Kommunist*innen schon bald an Herzversagen sterben werden: Geduld und Selbstironie. Vielleicht wäre schon mit der Einsicht viel gewonnen, dass wir momentan am gegenwärtigen Zustand in revolutionärer Absicht wenig ändern können. Die Geschichte zeigt aber, dass sich so etwas rasch wieder ändern kann, auch wenn die Zeichen eher auf reaktionärem Sturm stehen. Vielleicht würde es etwas Luft verschaffen, wenn man sich nicht fühlte und aufführte wie Lenin, als er im April 1917 in Petrograd eintraf. Und wenn man die eigene gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit nicht zum Anlass nähme, panisch um sich zu treten und in Illusionen zu verfallen.

Geduld und Selbstironie wären wohl die Voraussetzung, um überhaupt Argumente gegen die aktivistischen Rituale und die Verkümmerung der Debatte zur Kenntnis nehmen zu können. Es würde auch bedeuten, die politischen Argumente nicht mehr nur daraufhin abzuklopfen, ob sie denn dem aktuellen Aktivitätsmodus und der eigenen politischen Truppe etwas nutzen. Denn eventuell sind Einsichten für mögliche praktische Perspektiven auch jenseits der nächsten Demonstration und Gruppenveranstaltung von Bedeutung. Natürlich: Theorie muss sich auch daran messen lassen, ob sie – wie vermittelt auch immer – Schlüsse für eine praktische Perspektive befördert; auch wenn das einige partout anders sehen und sich in der Pose des unglücklichen Bewusstseins gefallen. Es sind aber zwei verschiedene Paar Schuhe, ob man sich gänzlich in den Elfenbeinturm zurückzieht oder ob man das aktuelle Beschäftigungsprogramm der radikalen Linken nicht einfach abnickt, sondern kritisch begleitet und kommentiert. Und das heisst eben auch, darauf hinzuweisen, wo es hapert in dem, was die radikale Linke tut. Das hat mit unsolidarischem Verhalten wenig zu tun, sondern vielmehr damit, dass man aufgrund einer Einschätzung zu bestimmten Schlüssen gekommen ist. Diese Schlüsse formuliert man dann als Kritik, worauf unter besseren Umständen eine Debatte entstehen könnte, während unter Schweizer Zuständen die*der Kritiker*in gerne verbannt oder zur*zum unsolidarischen Akademiker*in abgestempelt wird.

Das ist auch eine dieser total verqueren Ansichten: Als hätte ein etwas verzwickter oder bloss kritischer Gedanke notwendig etwas mit den Denkfabriken, den Universitäten zu tun. Da verwechseln Leute einfach ihren Antiintellektualismus beziehungsweise ihren Hass auf den abweichenden kritischen Gedanken, mit einer Kritik am akademischen Betrieb. Mit einer Kritik an der Tatsache, dass Wissensproduktion im Kapitalismus von der Gesellschaft abgespalten, an besondere Leute in besonderen Institutionen ausgelagert und nur in bestimmter Form anerkannt wird. Man sollte diese Kritik nicht mit dem Ressentiment gegen den Gedanken selbst verwechseln.

Brauch und Haltung. Die Dogmen toter Männer

Der Zustand der Debattenkultur wird neben den beschriebenen Abwehrmechanismen vermutlich zu einem nicht zu vernachlässigenden Teil dadurch erzeugt, dass die radikale Linke als Teil der Schweizer Gesellschaft in einer besonderen Weise deren Beschränkungen reproduziert: Den Zustand der Debatte in der Schweiz kann man in der Arena des Schweizer Fernsehens oder dem Feuilleton der hiesigen Blätter bewundern. Aber die radikale Linke ist ein spezifischer Teil der bürgerlichen Gesellschaft. Sie ist der Ort, wo die Realität im Prisma verstaubter Dogmen erscheint und in dieser Form in die publizierten Pamphlete einfliesst. Wenn es einmal Debatten gibt, dann werden sie in aller Regel in den muffigen Gewändern des kommunistischen oder anarchistischen Traditionsbestandes geführt und ihre Resultate sind darum zum einen todsicher vorherzusagen und haben zum anderen mit den realen Entwicklungen meist eher wenig zu tun4. Das ist nun kein Plädoyer für die als Theorien verkleideten Beleidigungen, die mit der Vorsilbe «Post» auftreten – ob nun ein Marxismus oder ein Operaismus hinten dranhängt. Hier soll lediglich dafür geworben werden, bequeme Gewissheiten zu überdenken – wie das übrigens zwei recht berühmte Kommunisten namens Georg Lukács und Karl Korsch schon kurz nach der russischen Revolution forderten. Mit wenig Erfolg, wie man nach fast hundert Jahren und der tragischen Entwicklung von Lukács und der Partei, in die er sich zurückschrieb, weiss.

Hier wird dann wohl auch klar, dass diese Zeilen von jemandem geschrieben werden, der sich dem antiautoritären Kommunismus verpflichtet fühlt. Also jenen kommunistischen Strömungen, die Staats- und Parteifixierung schon in ihren Anfängen bekämpft haben und in der Prognose der Entwicklung der Sowjetunion und ihrer Nachfolger Recht behalten haben. Jenen Strömungen, die Dogmen, wie den heute völlig derangierten volkszentrierten Antiimperialismus oder das Vertrauen auf Gewerkschaft und Autorität, kritisiert haben und an deren Stelle die Autonomie der Proletarisierten setzte. Jene Strömungen schliesslich, die der kommunistische Kanon immer als ketzerisch betrachtet und – gerne auch mit tödlichen Mitteln – bekämpft hat, während die Anarchist*innen ihn argwöhnisch beäugten und den Autoritarismus hinter seiner freundlichen Fassade vermuteten – wenngleich es immer wieder Überschneidungen und Zusammenarbeit gab. Im Namen jener Strömungen sei an die Freude an der Debatte appelliert. Denn nur die kollektive Reflexion auf die eigenen Positionen sowie die Aneignung von Theorie durch jeden einzelnen – auch und gerade in der Diskussion – können Erstarrung und autoritären Struktur sowie informellen Hierarchien entgegenwirken. Man sollte die strategischen Gedanken nicht jenen überlassen, die Schulungen in Marxismus-Leninismus absolviert haben, sondern sich die Geschichte und Gegenwart des radikalen Denkens und seiner Perspektive aneignen und sich mit diesem Wissen einbringen – auch wenn darüber nach Massgabe einer sogenannten Freiheit der Propaganda nicht diskutiert werden soll. Man sollte auch nicht in weniger formellen Zusammenhängen das Reden und Denken einigen wenigen überlassen, denn damit droht das schönste antiautoritäre Projekt in informellen Hierarchien zu versinken. Lasst uns die Aneignung der Welt damit beginnen, dass wir sie uns kollektiv verständlich machen.

Fussnoten:

  1. Darunter sind in diesem Text alle gefasst, die im weiteren Sinne zum Publikum von Ajour gehören.

  2. Dass das nicht auf immer so sein muss, zeigte sich vor einigen Jahren bei einem Streik in den SBB-Cargo-Werkstätten in Bellinzona. Dort entwickelte sich nach 2008 so etwas wie eine Dynamik von Kampf und Selbsterkenntnis. Viele Gruppen der radikalen Linken stürzten sich damals auf das Ereignis: halb dem Bekenntnis zum Klassenkampf folgend, halb erahnend, dass da eine besondere Dynamik am Werke sein könnte.

  3. Eine gewisse Verhärtung und Abwehr erklärt sich natürlich auch dadurch, dass Freunde dieser Gesellschaft versuchen antikapitalistische Positionen lächerlich zu machen. Aber es ist etwas anderes, ob ein Feind der Befreiung das revolutionäre Projekt diffamiert oder ob ein Radikaler bestimmte Inhalte und Arten der radikalen Betätigung kritisiert, um letztlich das Projekt voranzubringen.

  4. Dies ist nicht der Ort um das zu vertiefen, aber: Die klassischen radikalen Theorien und zwar nicht nur jene der verschiedenen Fraktionen und Nachfolger der Bolschewiki, sondern auch jene der linken Opposition und ihrer Folgegenerationen, sind unter Bedingungen entstanden, die sowohl was den Träger der Idee als auch was die gesellschaftlichen Umstände anbelangt, nur noch wenig mit der heutigen Situation zu schaffen haben. Das trifft die Theorie als politische Anleitung aber nicht die grundsätzlichen Einsichten der Kritik der Politischen Ökonomie und der materialistischen Kritik des Staates, die ihre Wirklichkeit haben, solange wir uns mit ihrem Gegenstand herumschlagen müssen.

Titelbild: Panik ATG Delete