(veröffentlicht in der Dissonanz Nr. 45 vom 6. April 2017)

Ein neues journalistisches Projekt «aus der anarchistischen und kommunistischen Bewegung» ist jüngst in Zürich ins Leben getreten, wenn auch nur in der Virtualität und ihren abkapselnden Beziehungen. Für uns, die wir uns lieber an die Realität und ihre involvierenden Beziehungen halten, eine eher marginale “Erscheinung”, die aber dennoch unser Interesse weckt, ist doch jedes Projekt, das zur Verbreitung der Diskussion über die anarchistischen Ideen beiträgt, an sich eine positive Tatsache. Nun, wäre da nicht, dass wir uns eines kleinen Verdachts nicht erwehren können...
Wenn wir uns einige der Artikel anschauen, die bis anhin publiziert worden sind, dann finden wir hier vor allem ein Gemisch aus mehr oder weniger zusammengewürfelten Meinungen und Informationen. So wird in mehreren Artikeln der Antifaschismus bemüht, indem irgendwelchen verlorenen Neonazikäuzen nachgespürt wird, die gewiss auch dem Bundesrat nicht passen. Anarchistische Ansätze, beispielsweise betreffend die Kritik am Machtübergriff auch in seinen de­mokratischen und „fortschrittlichen“ Formen, oder die interklassistische Falle des Antifaschismus, in dessen Namen stets Allianzen mit autoritären, bürgerlichen und staatsliebenden Fraktionen eingegangen wurden und werden, um das „grössere Übel“ zu bekämpfen, während die soziale Revolution beiseite geschoben wird, sucht man vergebens. Aber vielleicht hätte das auch den journalistischen Rahmen gesprengt, und wäre es besser, in anderen Artikeln danach zu suchen. Vielleicht in dem Artikel über den Skandal, der in Bern von Anarchisten durch ein Transparent ausgelöst wurde, das die Tötung von Erdogan proklamierte. Aber, anstatt darüber zu sprechen, weshalb der anarchistische Vorschlag gegen Henker wie diesen sich von der heuchlerischen Empörung der Demokraten und linken Politiker unterscheidet, wird forsch behauptet, dass all „die Demonstrierenden [also von SP bis zu den Anarchisten] in ihrer Kritik am Präsidenten einig“ waren (was ja gerade der Skandal deutlich widerlegte). Aus den Artikeln über den Frauenkampftag sind uns vor allem “Klassenkampf”, “Politisierungsmoment”, “antikapitalistisch” und andere Begriffe dieser Art geblieben, die ebenso vage sind, wie mit autoritären Instrumentalisierungen kompatibel. Nichts von einer Kritik beispielsweise an der “Subsumtion” der Konflikte und Begehren des Individuums unter die Klassendialektik, die gewisse Leute selbst dann noch werden der Realität aufzwingen wollen, wenn der letzte Arbeiter von Maschinen ersetzt wurde. Die Ehre macht schliesslich ein Artikel über die Räumung eines besetzten anar­chistischen Treffpunkts in Athen, eine Räubergeschichte aus einem fernen, exotischen Land, wo man dann auch mal etwas radikalere Worte zitieren kann. Nach einem eigenen anarchistischer Diskurs habe ich jedoch in den Artikeln vergebens gesucht.
Was hingegen auffällt, ist, dass, und sei es nur auf indirekter Ebene, keine Bezugshemmungen zum Revolutionären Aufbau und dessen Jugendorganisation bestehen, deren marxistisch-leninistische Leitideologie keinem ein Mysterium ist. Ich will damit nicht unterstellen, dass dort in der Nähe auch dieses journalistische Projekt zu verorten ist – das weiss ich nicht. Aber ich frage mich, was das Interesse sein kann, einen anarchistischen Beitrag in einem solchen Projekt zu behaupten, das offensichtlich Fisch und Vogel nicht voneinander unterscheiden kann.
Es ist nicht, dass uns das Adjektivpärchen «anarchistisch und kommunistisch» an sich als etwas Problematisches erscheint, durchaus nicht, verstehen wir unter Anarchismus die Ablehnung von jeglicher Autorität, und unter Kommunismus die Beseitigung des partikularen Eigentums, das heisst den gleichen Zugang aller zu den Ressourcen und Reichtümern dieser Welt: zwei Konzepte, die, anstatt einander entgegenzustehen, sich vielmehr gegenseitig bedingen, wenn eine wirklich freie Gesellschaft das Ziel sein soll. Das eine ohne das andere würde entweder in einen libertären Kapitalismus oder in eine Kasernenhofgleichheit münden (eine Erfahrung, die deutlich genug gemacht worden ist, Gulag und Massenmassaker inklusive). Was sich jedoch gegenübersteht, und zwar auf unvereinbare Weise, ist Autoritarismus und Antiautoritarismus. Und wir vermuten, wie dies in jüngerer Zeit von taktierenden Marxisten, aber, traurig genug, auch von anarchistischer Seite, vermehrt geschieht, dass die Adjektive, wie sie hier aufgestellt wurden, vielmehr eben diese letztere Gegenüberstellung überdecken wollen. In diesem Fall bedeutet „kommunistisch“, schlicht und einfach, die Offenheit gegenüber den autoritären Revolutionären, den Marxisten, Leninisten, Stalinisten, etc.
Was könnte eine solche proklamierte Verbindung also Bezwecken, ausser einen x-ten Versuch, den Anarchismus billig in einem ideologischen Gemisch zu verdünnen, um den Ängsten der Autoritären entgegenzuwirken, dass sich eine autonome Initiative entwickelt, die sich ihren politischen Hegemonieansprüchen entzieht, welche mit dem Auferlegen ihrer starren Modelle nur jeglicher selbstorganisierten Initiative die Dynamik raubt?
Nun, was die autoritären Geister nie verstehen werden, ist, dass der Anarchismus etwas mehr ist, als ein A im Kreis neben Hammer und Sichel; als die Solidaritätsbekundung gegenüber Anarchisten (vorausgesetzt, dass sie unter Repression, im Gefängnis oder tot sind); oder als das «Gegen den Staat» neben dem „Gegen das Kapital“ (was überhaupt nichts bedeutet, waren doch auch Lenin, und auch Stalin, gegen den Staat, nur hielten sie es für nützlich, dessen Gewalt zu benutzen, bis er in nie eintretender Zukunft “absterben” wird).
Es würde uns auf jeden Fall Interessieren, wie das Kollektiv des Ajour-Magazins, oder die daran beteiligten Anarchisten, wenn es sie gibt, zu dieser Frage stehen, das heisst, ob und wie sie den Anarchismus als mit autoritären politischen Doktrinen in einem journalistischen Projekt vereinbar verstehen.

Titelbild: buchort.ch