Von der diesjährigen Anarchistischen Buchmesse in Bern kann nur erfahren, wer detektivisch nach ihr sucht. Werbung gibt es bisher praktisch keine. Dabei dürfte sich ein Messebummel vom 26. bis 28. Mai durchaus lohnen, wie ajour nun im Gespräch mit Ursin vom Orgakollektiv erfahren hat.

Ursin, bewegt ihr euch im Untergrund oder ist die fehlende Werbung schlicht der viel bemühten Unorganisiertheit der Anarchist*innen anzulasten?

Es ist sicher nicht so, dass wir uns im Untergrund bewegen und auch einer Unorganisiertheit ist dieses Malheur nicht unbedingt zuzuschreiben. Ich nenne es einfach mal „organisatorisches Pech“.

Was also erwartet die Besucher*innen der Anarchistischen Buchmesse in Bern?

Wie jedes Jahr gibt es Bücherstände mit Verlagen aus verschiedenen Ländern. Wir sind meines Wissens eine der wenigen mehrsprachigen anarchistischen Buchmessen. Aus Deutschland werden mit aLiVe, der Assoziation linker Verlage, fast alle libertären Verlage präsent sein, aus Wien kommen die bahoe books, aus der Schweiz der a propos Verlag und die éditions Entremonde. Zudem noch 'ne ganze Menge aus Frankreich und England. Es gibt auch Buchvorstellungen und Vorträge von Autor*innen und Aktivist*innen. Unser diesjähriges Oberthema heisst „Mittelmeer“.

Mittelmeer? Wie seid ihr darauf gekommen?

Wir achten darauf, dass wir in jedem Jahr einen anderen thematischen oder regionalen Schwerpunkt setzen. Nachdem letztes Jahr der Balkan im Mittelpunkt stand und vor zwei Jahren Skandinavien, sollen heuer die Bewegungen im mediterranen Raum beleuchtet werden. Hierzu kommen Genoss*innen aus Marokko, Griechenland, dem Gazastreifen, der Türkei, Spanien und Italien. Die Italiener*innen etwa machen einen Liederworkshop. Aus Griechenland gibt es einen Vortrag über die dortige feministische Bewegung und einen über die Selbstorganisation von Migrant*innen. Referent*innen aus Marokko und der Türkei berichten von der Ressourcenausbeutung und der Organisierung dagegen.

Weshalb beschränkt ihr euch auf explizit anarchistische Literatur? Oder gibt es auch für andere linksradikale Schriften Platz, wie das etwa bei den „radical bookfairs“ der Fall ist?

Wir beschränken uns, da wir in die anarchistische Publizistik schlicht den besseren Einblick haben. Es dürfen aber auch andere Richtungen ihre Bücher auflegen, solange diese eine gewisse Nähe zu den anarchistischen Ideen aufweisen. Völlig autoritäre Strömungen werden es aber schwerer haben, akzeptiert zu werden. Ansonsten sind wir aber offen.

Sind Anarchist*innen besonders ausgeprägte Büchernarren?

Ich glaube nicht, dass sich Anarchist*innen mehr für Bücher interessieren als etwa Kommunist*innen. Die Notwendigkeit einer anarchistischen Buchmesse ist einfach grösser, da es diese Bücher immer noch nur an wenigen Orten zu kaufen gibt.

Und doch fanden in der Schweiz schon mehre anarchistische Buchmessen statt.

Ja, ich glaube, es gab hier bisher deren acht. Die Idee der anarchistischen Buchmessen kommt ja aus England, wo in den 80er Jahren die ersten Anläufe gemacht wurden. Danach hat sich das Konzept über die gesamte Welt verbreitet.

Worin siehst du den politischen Nutzen einer Buchmesse?

An Buchmessen kommen Leute aus verschiedenen geografischen Ecken und ideologischen Richtungen an einem Ort zusammen. Auch Menschen, die mit dem Anarchismus bisher nicht viel am Hut hatten, können diesen offenen Anlass besuchen. Es braucht dafür kein Vorwissen oder irgendwelche Kontakte. Die Besucher*innen können an einer Buchmesse neue Impulse für ihr eigenes Schaffen mit nach Hause nehmen.

Das Überthema der Buchmesse lautete auch schon „Anarchismus in der Schweiz“. Wie steht es denn um diesen?

Das stimmt nicht ganz. Es war die FAU Bern, die damals eine Veranstaltungsreihe unter diesem Titel organisierte. Die Buchmesse ist aber unabhängig von der FAU, fand aber am gleichen Wochenende statt. Die Buchmesse wird von einem Kollektiv organisiert, das für Interessierte offen ist. Man darf sich gerne einbringen!
Aber zu deiner Frage: Der Anarchismus ist durchaus nicht tot hier. Es gibt verschiedene Strömungen, die etwas zu reissen im Stande sind und dies auch tun. Ob diese Aktivitäten jedoch in der Öffentlichkeit als explizit anarchistisch wahrgenommen werden, ist eine andere Frage.

Und Bücher haben das Potential, der anarchistischen Idee zum Durchbruch zu verhelfen?

Eine Buchmesse ist ein mögliches Mittel unter vielen. Neben dieser kulturellen Methode bleibt natürlich noch ganz viel anderes zu tun. Unsere Buchmesse vertritt hierzu aber nicht einen bestimmten Standpunkt, sondern heisst alle anarchistischen Strömungen willkommen, ihre Ideen einzubringen.

Was ist deine persönliche Meinung dazu? Worin liegen die Herausforderungen?

Ich finde, dass wir wirklich mehr darauf achten sollten, in und mit der Gesellschaft zu wirken, statt sich einzubunkern in der Subkultur. Dort mag es zwar angenehm sein, weil wir uns alle verstehen und da wir ähnlich funktionieren. Doch unsere Ideen sollen nach aussen gelangen und nicht bloss in einer kleinen Szene zirkulieren.

Ein Journalist des SRF hat dich vor drei Jahren wie folgt zitiert: „Der schwarze Block widerspricht der anarchistischen Lehre“. Wie zum Geier hast du das gemeint?

Das war nie eine Aussage von mir. Meine Aussage war, dass der schwarze Block weniger eine Ideologie verkörpert, als viel mehr eine Strategie oder eine Taktik ist, die nicht zwingend „anarchistisch“ sein muss. Auch autoritäre Kommunist*innen oder – wie in Deutschland – sogar die sogenannten autonomen Nationalist*innen können von dieser Taktik Gebrauch machen.

Als vor einigen Jahren in Winterthur eine libertäre Buchmesse stattfand, wurden einige Aussteller*innen von der Polizei abgepasst und auf illegale Schriften hin untersucht. Hattet ihr in Bern auch schon solche Vorfälle?

Nein, wir wurden bloss einmal gezwungen, eine Bewilligung für den Alkoholausschank einzuholen.

Aber staatsgefährdende Schriften finden sich hoffentlich dennoch bei euch?

Da die Antistaatlichkeit in etwa der gemeinsame Nenner der anarchistischen Strömungen ist, darf davon ausgegangen werden, ja. Was im Detail aber „staatsgefährdend“ heisst, hängt immer ein wenig von der Gemütslage der betreffenden Regierung ab.

Nostalgiker*innen könnten einen Ausflug nach Bern mit einem Besuch des Grabes von Michail Bakunin kombinieren. Wie steht es eigentlich um die Ruhestätte des weltberühmten Barrikadenkämpfers?

Bakunins Grab auf dem Bremgartenfriedhof wird heute von Künstler*innen des Cabaret Voltaire aus Zürich betreut. Diese betrachten Bakunin als einen Vorvater des Dadaismus. So viel ich weiss, kommt diese Gruppe auch für die Grabgebühren auf. Erfreulich ist, dass sie die alte Grabtafel ausgewechselt haben.

Wieso, was stand da drauf?

Vor langer Zeit hatte eine Gruppe von Liberalen, die Bakunins Grab finanzierte, eine Grabtafel montieren lassen. Darauf stand, dass man dem zu gedenken habe, der sein Leben für „die Freiheit seines Landes“ geopfert habe. Dieser Wortlaut war sicherlich nicht im Sinne des inter- und antinationalen Revolutionärs.

Wohl kaum... Danke für das Interview!


Die Anarchistische Buchmesse findet vom 26.-28. Mai 2017 in Bern statt. Und zwar in der Getrud-Woker-Mensa an der Gertrud-Woker-Strasse 3 im Berner Länggasse-Quartier.