Während der Klimabewegung vorgeworfen wird, zu radikale Forderungen zu stellen, wagen Aktivist*innen in Rojava bereits das scheinbar Unmögliche: Den Aufbau einer basisdemokratischen, feministischen und ökologischen Gesellschaft – und das mitten im Krieg. Anlässlich seiner Rundreise durch die Schweiz haben wir mit dem Aktivist und Autor Anselm Schindler über das Projekt Make Rojava Green Again gesprochen. Teil 1 von 2.

Internationalismus, Ökologie, die Revolution in Rojava – das passt doch nicht mit Donald Trump zusammen. Wieso adaptiert die Kampagne Make Rojava Green Again ausgerechnet Trumps chauvinistischen Kampagnenslogan?

Wir befinden uns in einer Phase, in der wir global einen autoritären Rollback und in gewissen Staaten gar eine zunehmende Faschisierung erleben. In dieser Phase greifen wir einen Slogan auf und drehen ihn ins Gegenteil, in dem wir ihn mit einer Perspektive verknüpfen, die sich gegen die Mächtigen richtet.

Was also ist Make Rojava Green Again?

Unser Projekt ist Teil der Internationalistischen Kommune in Rojava und unsere Kernaktivität ist die Wiederaufforstung. Schon seit einigen Jahren werden in der Region wieder Bäume gepflanzt, allerdings nur in kleinem Ausmass. Wir haben in der Nähe von Derik im Nordosten von Rojava eine Baumschule eingerichtet. Zusätzlich treiben wir in Europa Geld auf und bringen Expert*innenwissen in die Region. Während internationale Mächte für sich riesige Territorien beanspruchen und ihren Nationalstaat in den Vordergrund stellen, wollen wir den Fokus auf die Menschen, die Basisdemokratie und die Ökologie richten.

Wie arbeitet ihr als Internationalist*innen mit der lokalen Bevölkerung zusammen? Was unterscheidet euch von Projekten der sogenannten «Entwicklungshilfe»?

Als Internationalist*innen unterstützen wir nicht nur die Revolution vor Ort – in Rojava werden auch Dinge erprobt, von denen wir in Europa viel lernen können. Wir versuchen deshalb auch herauszufinden, was von diesem revolutionären Prozess auf die Verhältnisse in den Ländern, aus denen wir kommen, übertragbar ist. Das unterscheidet uns von einer Hilfsorganisation oder einer karitativen Einrichtung. Unsere Kampagne findet vor Ort auf Augenhöhe mit den Leuten statt und wir arbeiten eng mit den Ökologiekomitees des Rätesystems zusammen. Wir sind ja nicht die ersten die in Rojava die ökologische Frage stellen und versuchen, Antworten zu finden. Die Wiederaufforstung beispielsweise wurde bereits vor einigen Jahren gestartet.

Landwirtschaftliche Arbeiten auf dem Gelände der Internationalistischen Kommune. Bild: Make Rojava Green Again

Und dann wollen wir natürlich auch Brücken zwischen verschiedenen Bewegungen schlagen, zwischen verschiedenen sozialen und feministischen Kämpfen, ökologischen Gruppen und Protestbewegungen wie Fridays For Future und der kurdischen Freiheitsbewegung sowie den Organisationen, die in der Kurdistan-Solidaritätsarbeit aktiv sind. Es ist uns wichtig, in der europäischen Öffentlichkeit ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Kriege, verschiedene Formen kolonialistischer, feudalistischer und kapitalistischer Ausbeutung und ökologische Probleme eng miteinander verknüpft sind.

Das ist auch eines der Ziele der Internationalistischen Kommune. Sie bietet einen ersten Anlaufpunkt für Menschen mit verschiedensten Hintergründen, die nach Rojava kommen, um zu lernen und Teil der dortigen Bewegung zu werden. Dafür hat die Kommune eine Akademie in der Nähe der Kleinstadt Derik aufgebaut, die nach der gefallenen Internationalistin Hêlîn Qereçox (Anna Campbell) benannt ist. In der Akademie gibt es Sprachunterricht und es wird Wissen vermittelt, vor allem über die Geschichte der Region und des Befreiungskampfes in Kurdistan. Aber es gibt auf dem Gelände der Akademie eben auch die Möglichkeit, ganz konkret mit anzupacken und beim Aufbau unserer Baumschule für die Wideraufforstung zu helfen. Ausserdem haben wir in Zusammenarbeit mit dem Ökologiekomitee und den Bewohner*innen von Derik ein Flussbett gereinigt, in welchem zuvor über Jahre Abfall entsorgt wurde. Gemeinsam begrünen wir nun den Flusslauf und es sollen Terrassen für den Gemüseanbau angelegt werden.

Wie steht es denn um die Ökologie in der Region?

Im gesamten Nahen Osten und somit auch in den kurdischen Gebieten in Nordsyrien erleben wir seit vielen Jahren eine ökologische Krise. Zusätzlich zum Krieg, der zu grosser Verschmutzung und Zerstörung führt, gibt es in Rojava kaum Bäume. Das Assad-Regime verwendete viel Holz für die Bauwirtschaft und nutzte die nordsyrischen Gebiete über Jahrzehnte als Kornkammer. Die gesamte Region wurde entwaldet und mit Monokulturen ausgelaugt. Dies führte zur Austrocknung, weil die Wurzeln der Bäume das Wasser im Boden halten. Bäume sind auch für den Nährstoffhaushalt der Böden wichtig, weil sie Nährstoffe nach oben transportieren und den Boden wiederaufbereiten.

Junge Bäume für die Wiederaufforstung. Bild: Internationalist Commune.

Die Veränderung der Bodenstruktur wirkte sich auf die Wassersituation und die Fruchtbarkeit aus. Es kam zu Versteppung, die Bewohner*innen leiden unter Wasserknappheit. Wegen des Krieges steht zudem ein grosser Teil der Infrastruktur still oder war nie vorhanden. Vielerorts gibt es keine Müllabfuhr, weshalb viel Abfall aufgeschüttet oder in Gewässer geleitet wird. Eines der grössten Probleme ist der Plastikmüll, der aus den Dörfern und Städten gefahren und auf den umliegenden Äckern verbrannt wird. Dadurch werden Luft und Boden verschmutzt und es entstehen gesundheitliche Risiken für die Bevölkerung.

Es gibt also nebst der Aufforstung eine ganze Menge Probleme zu lösen. Könnt ihr diesen beikommen?

Leider wurden unsere Arbeiten immer wieder von der sich ändernden militärischen und geopolitischen Situation behindert. Gegen Ende 2018 hat der angekündigte Truppenabzug der USA sehr viel Unruhe gestiftet und es war unklar, ob bald wieder ein Krieg losbricht. Die geopolitische Situation erschwert unsere Arbeit im Moment sehr. Dennoch versuchen wir nebst dem Aufziehen und Pflanzen von Bäumen an weiteren ökologischen Problematiken dranzubleiben. Wir versuchen beispielsweise Lösungsmodelle für ein dezentrales Recycling-System aufzubauen. Wir suchen nach Möglichkeiten, um Hartplastik einzuschmelzen und wiederzuverwenden und möchten möglichst kleinteilige Recyclinganlagen entwickeln, die in allen Kommunen nachgebaut werden können. Dafür gibt es bisher einige Entwürfe, Bauteile und Bauanleitungen aber es geht nur langsam voran. Weil es vor Ort einen Mangel an Technik und Know-How gibt, brauchen wir dafür auch Unterstützung aus Europa.

Abfallberge als Ausdruck des mangelnden Recycling-Systems. Bild: Make Rojava Green Again.

In Bezug auf die herrschende Wasserknappheit haben wir ein Modellprojekt zur Trennung von stark und schwach verschmutztem Abwasser entworfen, das wir in den Kommunen anwenden wollen. Oft stehen wir vor dem Problem fehlender Kläranlagen, weshalb das Abwasser in den nächsten Bach geleitet wird. Dadurch verbreiten sich in der Folge schnell Durchfallerkrankungen und Krankheitserreger. Eine Lösungsmöglichkeit sind Trockentoiletten. Dort werden Fäkalien vom restlichen Wasserkreislauf getrennt und können nach einer Aufbereitung als Düngemittel verwendet werden. Das gilt auch für das Wasser aus dem Sanitärbereich, das wir filtern und wiederaufbereiten. Danach kann es zwar nicht als Trinkwasser, jedoch zur Bewässerung und als Düngemittel eingesetzt werden. Die Änderung der Toiletten-Gewohnheiten sind nicht immer ganz einfach zu vermitteln. Das Ganze ist mit Intimität verbunden und muss mit entsprechender Zurückhaltung kommuniziert und realisiert werden.

Die Übernutzung der Böden durch Monokulturwirtschaft hängt auch mit kolonialen und kapitalistischen Besitzverhältnissen zusammen. Wie können diese Altlasten überwunden werden?

Was die Landwirtschaft betrifft, stellt sich natürlich die Eigentumsfrage. Ein Grossteil der Bevölkerung in den ländlichen Regionen von Rojava besteht aus landlosen Bäuer*innen, während die Äcker Grossgrundbesitzern gehören. Die Landwirtschaft findet also nicht in einem demokratischen Rahmen statt und die Leute können keine Subsistenzwirtschaft betreiben. Die Grossgrundbesitzer versuchen durch das Anlegen von Monokulturen, möglichst ertragreich zu wirtschaften und laugen damit die Böden aus. Um dieses Problem zu überwinden, muss die Eigentumsfrage gestellt werden.

Wird die Eigentumsfrage denn tatsächlich gestellt?

Es bestehen Bestrebungen, die Äcker zu enteignen und unter die demokratische Kontrolle von Kooperativen zu bringen. Dieser Prozess wird jedoch von anderen Widersprüchen überlagert. Durch die sogenannte Politik des Arabischen Gürtels, sprich der gezielten Umsiedlung arabischer Familien in mehrheitlich kurdisch besiedelte Gebiete, gehören viele Grossgrundbesitzer arabischen Clans an. Es wäre zwar eine konsequente Entscheidung, diese Familien nun alle auf einen Schlag zu enteignen, allerdings würde man damit die gesamte arabische Bevölkerung gegen sich aufbringen. In diesem Fall überlagert also ein ethnischer Widerspruch den Klassenwiderspruch. Die Revolution in Rojava will jedoch ethnische Widersprüche nicht verhärten, sondern auflösen.

Die Schaffung von Kooperativen ist ein zentrales Konzept der gemeinschaftlichen und ökologischen Wirtschaft. Derzeit werden lediglich zehn bis fünfzehn Prozent der wirtschaftlichen Leistung in Rojava von Kooperativen erbracht. Wie kann diese Zahl gesteigert werden?

In der Region gibt es nur einen sehr kleinen industriellen Sektor, deshalb wird die Frage von Eigentum und der wirtschaftlichen Ausbeutung vorerst insbesondere bezüglich des landwirtschaftlichen Sektors diskutiert. Die Idee ist natürlich schon, dass auf kommunaler Ebene alles kollektiviert wird. Eine demokratische Ökonomie bedeutet letztendlich auch eine Enteignung und demokratische Kontrolle der Produktionsmittel. Die Entscheidungsmacht über die Vorgehensweise wird jedoch nicht von oben herab getroffen, sondern an die Kommunen delegiert. Diese entscheiden, wie sie mit den Äckern in Grossgrundbesitz und den kleineren Betrieben umgehen.

Grüne Hoffnung: Eine Dorfversammlung in Rojava. Bild: IL Frankfurt.

In urbanen Regionen wird die Diskussion ungleich komplizierter, aber die Idee bleibt die gleiche. Die Revolution in Rojava will die Umgestaltung der Eigentumsverhältnisse primär durch die Schaffung eines revolutionären Bewusstseins erreichen. Es soll möglichst allen Leuten klar werden, wie eine demokratische Gesellschaft aussieht und dass Marktwirtschaft und Kapitalismus nicht demokratisch sein können. Man überlässt es den Kommunen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Das Ziel ist, dass das Land in den Händen der Kommunen ist und dadurch angebunden an die Räte. Es soll also nicht wie in verschiedenen realsozialistischen Experimenten, die wir im Laufe der Geschichte gesehen haben, eine Enteignung von oben angeordnet werden. Es geht um den Aufbau einer demokratischen und sozialistischen Ökonomie durch einen von der Basis ausgestalteten und mitgetragenen Prozess. Das bringt natürlich das Problem mit sich, dass das Ganze lange dauert. Wenn ein Befehl von oben durchgesetzt wird, können Prozesse sehr schnell geschehen, aber es ist dann nicht nachhaltig, weil die Umgestaltung nicht aufgrund von eigenem Wirken und eigenen Erfahrungen geschieht. Es wird sich zeigen, wie erfolgreich diese Strategie im Umgang mit den vielen verschiedenen Widersprüchen sein wird.

Können die Internationalist*innen in die Umgestaltung der Eigentumsverhältnisse intervenieren?

Wir mischen uns nicht direkt ein, aber versuchen natürlich selbst auch kollektivistisch zu handeln. Das zeigt sich beispielsweise beim Aufbau der Baumschule, die nicht profitorientiert ist. Wir pflegen zudem auf dem Gelände der internationalistischen Kommune ebenfalls eine Art der kooperativen Wirtschaft und versuchen nach diesen Prinzipien zu funktionieren. In den Regionen, in welchen ich mich aufhielt, ist die Landwirtschaft und der Ackerbau bereits kollektiviert. Das heisst, der Landbesitz ist in den Händen der Kommune und dadurch angebunden an eine politische Struktur. Es herrscht also das Primat der Politik über jenes der Ökonomie und nicht andersrum wie im Kapitalismus, wo die Ökonomie das Leben diktiert.

Wie kann die ökologische Wende in Rojava weiter vorangetrieben werden?

Die Energieversorgung muss dezentralisiert werden. Im Moment ist ein Grossteil der Energieversorgung in Rojava durch Staudämme am Euphrat gewährleistet. Staudämme bringen ökologische Probleme mit sich und sind ausserdem etwas sehr Zentralistisches, weil ein bestimmter Punkt in der Region für die gesamte Stromversorgung verantwortlich ist. Wenn wir eine ökologische Wende anstreben, dann muss die Stromversorgung vergesellschaftet und dezentralisiert werden. Dafür braucht es passende Energiequellen. Windkraft wäre dafür ein Beispiel. Wir haben bereits einzelne Bauteile für ein erstes Windkraftwerk auf dem Gelände der Kommune, aber derzeit fehlt es an Geld und an Spezialwissen, um dieses zu realisieren. Wir hoffen aber, dass wir es bald hinbekommen. Meines Wissens wäre es das erste Windrad in der ganzen Region. Die ökologische Wende wird in Rojava und auf der ganzen Welt nur durch eine möglichst kleinteilige und basisdemokratisch ausgestaltete Produktion, Energieversorgung und Recycling möglich sein.

Wer sich ausführlicher über die Naturzerstörung in der Region und über die Arbeiten und Lösungsansätze von Make Rojava Green Again informieren will, kann das über ihr Buch tun, das vor einigen Wochen auch auf Deutsch erschienen ist. Spenden für Make Rojava Green Again sind notwendig und simpel zu tätigen!