Das Zusammenfallen des Ändern[s] der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung kann nur als revolutionäre Praxis gefasst und rationell verstanden werden.
(Karl Marx und Friedrich Engels)

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat kürzlich empfohlen in der Öffentlichkeit keine Kippa mehr zu tragen. In Österreich wurde 2017 mit über 500 Vorfällen ein Höchststand des offen sichtbaren Antisemitismus verzeichnet. In Frankreich hat das Innenministerium im letzten Jahr fast 100 antisemitisch motivierte Gewalttaten gezählt. Aber man muss gar nicht über die Grenze schauen: Hierzulande werden antisemitische Vorfälle zwar nicht systematisch erfasst, aber ein Report der «Coordination Intercommunautaire Contre l’Antisémitisme et la Diffamation» (CICAD) verzeichnet 2017 in der Westschweiz 150 Vorfälle. Der Schweizerisch Israelische Gemeindebund (SIG) zählt für die Deutschschweiz im selben Zeitraum 39 Vorfälle. Das ist nur die Spitze des Eisbergs, die Schweizer Zahlen basieren lediglich auf Meldungen bei den beiden Institutionen. Eine Studie der «Gesellschaft für Sozialforschung» gfs.bern von 2014 geht davon aus, dass rund zehn Prozent der Bevölkerung hierzulande eine «systematisch antisemitische Einstellung» haben – das sind über 800'000 Personen. Zu befürchten steht, dass die etwas subtileren Formen des Antisemitismus nicht in die Erhebung eingeflossen sind und auch sonst in keiner Statistik auftauchen.

Während diese Zeilen geschrieben werden, attackieren in Basel Unbekannte eine jüdische Metzgerei. Und in einer Synagoge im US-amerikanischen Pittsburg erschiesst ein 46-jähriger Amerikaner elf Menschen, nachdem er sein Twitter-Konto mit antisemitischen Parolen vollgeschrieben hat.

Die jüdischen Gemeinden in Zürich haben ihre Sicherheitsmassnahmen verstärkt. Jährlich zahlen sie dafür rund 1,5 Millionen Franken.

Das Thema ist nur all zu aktuell und angesichts der nationalen Formierung in Europa und anderswo steht zu befürchten, dass es noch an Dringlichkeit gewinnen wird. In der Schweizer Linken wird Antisemitismus derweil wenig behandelt und wenn doch, karrt man in aller Regel Leute heran, die dem Gegenstand schlicht nicht gerecht werden, was hauptsächlich an deren theoretischen Rüstzeug liegt. Das Thema ist aber für die Linke viel zu wichtig, um es nicht systematisch zu behandeln. Und zwar weil dem Antisemitismus eine Tendenz zum Eliminatorischen innewohnt, er also in letzter Konsequenz auf Vernichtung abzielt, aber auch weil er das Projekt der menschlichen Befreiung durch die Aufhebung des Kapitalismus in besonderer Weise betrifft und unterläuft.

Betroffenheit und Universalismus. Der unmittelbare Anlass dieser Antwort

Leider ist die generelle Schräglage bei der Behandlung des Themas auch in einer kleinen Debatte zu beobachten, die vor einiger Zeit auf Barrikade.info ausgefochten wurde: Die Macher*innen der Plattform hatten vorläufig einen Artikel von «Boycott, Divestment and Sanctions» (BDS) Schweiz abgelehnt; zugegeben mit sehr wackeliger Begründung. Deshalb meldeten sich mehrere Personen zu Wort. Eine davon – sie wird mehrfach als «jüdisch-anarchistische Person» vorgestellt – schaffte es dem Moderationskollektiv von Barrikade.info in einer kurzen Mail nicht weniger als fünf Mal «eigenen», «latenten» und «internalisierten» Antisemitismus vorzuwerfen. Und zwar bloss weil die Barrikade-Leute den BDS-Artikel abgelehnt hatten. Denn sie hätten dies aufgrund eines Reflexes getan, der sich aus «eigenem internalisierten Antisemitismus» speise. Statt sich mit diesem auseinanderzusetzen, werde alles «blind und wahllos» zensiert, so die spärlich Argumentation der Person. Als Reaktion beschäftigten sich die Genoss*innen von Barrikade.info eingehend mit dem Thema Antisemitismus und veröffentlichten eine Stellungnahme, die genauer besehen leider vor allem eine Aufzählung verschiedener Gespräche und Positionen ist.

Der Vorwurf ans Kollektiv mag zutreffen oder nicht. Er steht mit Sicherheit auf einer mehr als dürftigen Indizienbasis. Aber in der Debatte zeigt sich ein generelles Problem der Herangehensweise und des theoretischen Rahmens: Statt um Aussagen mit Anspruch auf Allgemeingültigkeit und Überprüfbarkeit geht es in der Diskussion über weite Strecken um Betroffenheit und partikulare Perspektiven. In diesem theoretischen Horizont lässt sich die Welt im Allgemeinen und Antisemitismus im Besonderen leider noch nicht mal umreissen. Um es etwas polemisch zu sagen: Weil jemandem ein Stein auf den Kopf purzelt, weiss dieser noch nichts über das Gesetz der Gravitation. Und verschiedene Personen werden aus ihrer Beule unterschiedliche Schlüsse ziehen. «Aus Schaden wird man klug» ist halt wie so manches aus dem Volksmund nur sehr begrenzt richtig und im Falle etwas komplexerer Phänomene schlicht falsch. Darum findet man unter den von Antisemitismus betroffenen Personen unterschiedlichste Einschätzungen und Positionen: Vom Kritischen Theoretiker Moshe Zuckermann, der hierzulande vor allem als Kronzeuge im Konflikt gegen Israelfreund*innen auftritt; über den ehemaligen Gewerkschafter und linken Journalisten Klaus Rózsa, der mit einer kleinen Abrechnung mit der Linken durch die deutschen Landen tourt; bis hin zu Henryk Broder, der seit Jahren als Stichwortgeber für die Rechten und ihren Hass auf Muslime fungiert und Kolumnist der Weltwoche ist – oder war, man will es eigentlich gar nicht so genau wissen.

Das heisst nun keinesfalls die konkrete Erfahrung von Betroffenen zu negieren. Man sollte es ernst nehmen, wenn sich jüdische Menschen gegen Antisemitismus – auch in der Linken – positionieren. Aber es gilt eben auch: Erfahrung ist nicht unbefleckt von Theorie und politischen Positionen, so dass das Erfahrene schon immer im Prisma des eigenen Kategoriensystems erscheint. Wobei die Erfahrung wiederum auf dieses System zurückwirkt und so natürlich gerade unter sich zuspitzenden Bedingungen Veränderungen der Positionen nach sich ziehen kann. Die Analyse selbst schliesslich – und das ist für diesen Text das Entscheidende – bleibt eine Domäne der Vernunft, also allgemein zugänglich und gültig, wenngleich natürlich die eigenen Verstrickungen in diese Gesellschaft immer mitreflektiert werden müssen. Dieser Weg der Offenlegung des Verhängnisses soll im Folgenden eingeschlagen werden.

Zum Zustand von Vernunft und Universalismus in den politischen Führungsetagen.

Zur Orientierung eine kurze Inhaltsangabe: Erst werden einige Elemente der Geschichte des Judenhasses sowie der Logik des Antisemitismus und der kapitalistischen Gesellschaft dargestellt. Die historischen und theoretischen Erläuterungen stellen die Basis dar, auf der die Kritik des Textes aufbaut. Und hier sollte bereits etwas herausgearbeitet werden, warum Antisemitismus auch aus sozialrevolutionärer Sicht ein substantielles Thema ist. Danach folgen Ausführungen zur Veränderung und Anpassungsfähigkeit des Antisemitismus sowie seiner Erscheinung in verschiedenen Segmenten der Gesellschaft. Hierzu gehört natürlich auch die Linke, der mit ihrer wechselhaften Geschichte und ihren gesellschaftlichen Verstrickungen ein eigener Abschnitt gewidmet ist. Um die letzten beiden Teile einzubetten, folgen einige Anmerkungen zur Verkomplizierung der Diskussion durch politisch motivierte Verzerrungen. Danach werden an Beispielen aus der Schweiz Probleme in Bildsprache und Argumentation von linken Gruppen dargestellt. Im Schlussteil wird schliesslich ein Mittel gegen theoretische Verwirrungen und antisemitische Vorstellungen vorgeschlagen.

Zur Geschichte des Judenhasses. Gesellschaftlicher Grund und Transformation

Antisemitismus ist ein facettenreiches und sehr dynamisches Phänomen. Eine einfache «Definition» ist nicht zu haben, stattdessen muss man seine Objekte (die Jüd*innen) und seine Subjekte (die Antisemit*innen) in ihrer jeweiligen Geschichte und in ihrem Zusammenhang verstehen. Theoretisch hat dabei das Subjekt den Vorrang, denn in ihm sind das Ressentiment und seine Quellen zu Hause. Aber ohne die Geschichte der Jüd*innen im christlichen Europa ist nicht zu erklären, warum sie zur «Projektionsfläche par exellence» geworden sind. Die Ursprünge des Judenhasses liegen vermutlich im Nebel religionsgeschichtlicher Entwicklung, so dass einige Theoretiker*innen zu deren spekulativen psychoanalytischen Ausdeutung griffen. Die Nebel lichten sich, wenn man etwas willkürlich erst im sogenannten Hochmittelalter ansetzt: Damals erliess etwa das katholische Laterankonzil von 1215 klare Kleidervorschriften für Jüd*innen und verbot ihnen eine Reihe von Erwerbszweigen, nachdem ihnen bereits ein Beschluss von 1179 durch ein Zinsverbot für Christ*innen ein fragwürdiges Monopol in der Geldsphäre zugesprochen hatte – das Waffenrecht war ihnen indes versagt worden. Die Jüd*innen wurden also gekennzeichnet und in die «Zirkulationssphäre» verbannt sowie von den Geldeinnahmen abhängig gemacht, da sie das Geld brauchten, um ihre Schutzherren aus dem Adel zu bezahlen. In einer agrarisch geprägten Gesellschaft waren sie als Gläubiger*innen der christlichen Umwelt, gekennzeichnete Objekte von gewalttätigen Gelüsten ohne eigene Schutzmittel. Die Wut entlade sich aber gegen den, der auffalle ohne Schutz, sollten Theodor Adorno und Max Horkheimer über eine Kontinuität des Hasses auf die Jüd*innen einige Jahrhunderte später schreiben.

Entscheidend ist aber die Frage, warum sich das Ressentiment in den Subjekten entzündete, das sich an die Jüd*innen heftete. Der Judenhass spielte eine wichtige Rolle bei der Durchsetzung der Herrschaft der christlichen Religion in Europa: Von oben als Herrschaftsmittel in der Mobilisierung gegen einen Sündenbock; als eine propagandistisch instruierte Revolte gegen bestimmte «Auswüchse» des Herrschaftssystems im Dienste der Herrschaft. Sowie von unten als Entlastungsmittel für die Beherrschten, die in den Jüd*innen ein Objekt fanden, um ihre Affekte gegen die drückende Herrschaft an einem entwaffneten Ersatzobjekt abzureagieren – auch die Verheerungen der Natur, wie etwa Pestepidemien, wurden immer wieder den Jüd*innen angelastet. So wurden der Judenhass und seine Tat zur Tradition des christlichen Abendlandes.

Beide Funktionen – Herrschaftsmittel und Entlastungshandlung – sollten in der Geschichte immer wieder eine wichtige Rolle spielen und den Antisemitismus für emanzipatorische Projekte als besonderen Feind setzen. Darum wird viel später in der Debatte der deutschen Sozialdemokratie gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch die Rede vom Antisemitismus als «Sozialismus des dummen Kerls» die Runde machen, was der Vielschichtigkeit des Phänomens allerdings kaum gerecht wird.

Des Reformators Variante des Antijudaismus: «Sie halten uns in unserem eigenen Land gefangen, sie lassen uns arbeiten in Nasenschweiss, Geld und Gut gewinnen, sitzen dieweil hinter dem Ofen, faulenzen (...) haben uns und unsere Güter gefangen durch ihren verfluchten Wucher (...), sind also unsere Herren, wir ihre Knechte.» (Martin Luther; Von den Juden und ihren Lügen; 1543)

Der Antijudaismus des christlichen Mittelalters ist aber nicht gleichzusetzen mit dem modernen Antisemitismus – auch wenn es Kontinuitäten gibt, die sich etwa in ähnlichen Bildern und Vorurteilen niederschlagen, und auch wenn der erste die Basis für den zweiten gelegt hat. Mit der Transformation einer religiös legitimierten, agrarischen Gesellschaft in die bürgerlich-aufgeklärte veränderte sich auch der Hass auf die Jüd*innen sowie deren gesellschaftliche Quellen. Erst Ende des 19. Jahrhunderts kam der Begriff des Antisemitismus auf, der die rassistische, quasi-wissenschaftliche gegenüber der religiösen Fundierung des Judenhasses betonte. Seinen Ort hatte dieses wissenschaftlich bemäntelte Ressentiment in der ständig präsenten dunkeln Seite der Aufklärung und reichte bis in die sozialistische Bewegung.

Gemeinsam ist religiös fundiertem Antijudaismus und dem moderneren Antisemitismus, dass sie beide aus den gesellschaftlichen Strukturen und Zwängen und deren Entsprechung in den Subjekten erklärt werden müssen. In Kontinuität und Bruch zeigt sich bereits: Das Ressentiment gegen die Jüd*innen ist nicht natürlich und auch nicht ewig in die Köpfe eingeschrieben, sondern gesellschaftlich bedingt und veränderlich und es ist damit auch überwindbar. Aber in einer Gesellschaft, die systematisch Ressentiments und ideologische Vorstellungen in den Menschen erzeugt, wird sich das Problem kaum beseitigen lassen.

Zur Logik des Antisemitismus. Die Struktur der kapitalistischen Gesellschaft

Der Antisemitismus hat sich schliesslich auch innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft vielfach verändert, angepasst und transformiert. Geblieben ist aber, dass der Kapitalismus auf verschiedenen Ebenen Vorstellungen erzeugt und reproduziert, die in der Nähe des Antisemitismus zu verorten sind und diesen stärken. Bei einem ersten Blick fallen ganz ohne Anspruch auf Vollständigkeit einige Phänomene ins Auge:

1) Die Menschheit ist heute in verschiedene Nationen gespalten, die von verschiedenen imaginierten Identifikationsgeschichten getragen werden. Mit der historischen Durchsetzung dieser Nationen sowie der Proklamation der Menschenrechte war ein Versprechen auf menschliche Gleichheit und Emanzipation von der feudalen Ordnung verbunden. Aber eben auch ein Zwang zur Assimilation: Die Nation wurde zur Gemeinschaft, der alles unterzuordnen ist. Die Jüd*innen passten nicht ins Bild dieses einigen Kollektivs. In der Vorstellung vieler Bürger*innen bildeten sie eine übernationale Gemeinschaft innerhalb der neu gegründeten Nation. Dies zeigte sich etwa auch darin, dass die Jüd*innen nach heftigen Diskussionen in der konstituierenden Nationalversammlung erst zwei Jahre nach der französischen Revolution in den Genuss der Menschen- und Bürgerrechte kamen, nachdem sie vorerst explizit ausgeschlossen worden waren. Im Gegenzug sollten sie auf ihren Status als Gemeinde verzichten. Viele vor allem reichere Jüd*innen setzten grosse Hoffnung in die bürgerliche Nation, aber ihre Integration blieb brüchig: Insbesondere in Krisenzeiten schlug ihnen handfestes Misstrauen entgegen und ihre nationale Loyalität wurde bestritten. Damit scheinen die Jüd*innen aber gerade besonders gefährlich, weil sie innerhalb des nationalen Kollektivs leben und nicht klar scheidbar sind, also von innen her wirken – «volkszersetzend», wie Antisemit*innen zu sagen pflegen. Dies kommt etwa in den antisemitischen Varianten der Dolchstosslegende (Bild) zum Ausdruck.

Österreichische Postkarte zur Dolchstosslegende aus dem Jahr 1919.

2) Mit der Durchsetzung der kapitalistischen Ökonomie werden die vorher nur am Rande vorherrschenden Prinzipien von Geld, Profit und Zins zu einer die ganze Gesellschaft durchziehenden und konstituierenden ökonomischen Logik. Wo in der feudalen Gesellschaft der «Wucher der Juden» und der Hass der Schuldner*innen ein bestimmtes Randgebiet darstellten, wird dies nun zum zentralen Aspekt der wirtschaftlichen Beziehungen. Dies unterscheidet den Antisemitismus von anderen Diskriminierungen und Zuschreibungen, die häufig auf Aspekte zielen, die der kapitalistischen Logik zuwiderlaufen und der einzelne in sich nicht zulassen darf: Im «klassischen» Rassismus unter anderem Faulheit, mangelnde Zügelung der Lust oder die Oberhand des Gefühls über die Vernunft. Beim antisemitischen Ressentiment geht es dagegen zentral darum, dass das konstitutive Prinzip des Kapitalismus selber – Geld, Profit, Zins – durch Personalisierung und Projektion auf die Jüd*innen abgeschoben wird. Sie werden in der Imagination damit schuldig an der ganzen Misere, die der Kapitalismus mit seinen Zwängen erzeugt. Der Antisemitismus erscheint als ein Ressentiment, dass sich vermeintlich gegen oben richtet. Damit deutet sich bereits an, warum er als konterrevolutionäre Ideologie immer wieder grosse Wichtigkeit gewann und weshalb seine Bekämpfung auf der Traktandenliste von Sozialrevolutionär*innen weit oben stehen sollte.

3) Im Kapitalismus sind Zirkulation (etwas vereinfacht: wo Geld und Preis, Kauf und Verkauf regieren) und Produktion (wo mit Maschinen, Rohstoffen und Arbeitskräften produziert wird) in Sphären geschieden, die jeweils mit bestimmten Attributen besetzt sind – die Jüd*innen sind wie beschrieben dereinst in die Sphäre der Zirkulation «verbannt» worden. Nun erscheint der mangelnde Zugriff auf gesellschaftliche Ressourcen in aller Regel nicht in der Produktion, wo die Ausgebeuteten ihren Lohnscheck erhalten, sondern in der Sphäre der Zirkulation, wo die eigenen Geldressourcen auf die Preisschilder treffen. Damit erscheinen auch jene als die Ausbeuter*innen, die man sich in diese Sphäre imaginiert. «Die Verantwortlichkeit der Zirkulationssphäre für die Ausbeutung ist gesellschaftlich notwendiger Schein», schrieben Adorno und Horkheimer zu diesem Umstand.

Zudem erscheint die Zirkulation als blosser Abzug vom ehrlich erwirtschafteten Gewinn – am grellsten im Zins, an dem sich auch immer wieder eine (auch «linke») Kritik entzündet, die verkennt, dass die Zinsgewinne eine Anteilnahme am Profit sind, die beide auf dem von Arbeiter*innen erzeugten Mehrwert basieren. Im äussersten Extrem äussert sich diese Vorstellung in der Unterscheidung von «schaffendem» und von «raffendem» Kapital, wobei die namensgebenden Nationalsozialist*innen die «Brechung der Zinsknechtschaft» als Kampf gegen das «raffende Kapital» propagierten und damit selbstverständlich die Jüd*innen meinten. Deutsche Unternehmer*innen und Arbeiter*innen gemeinsam gegen die nicht-arbeitenden Jüd*innen, statt international-heterogene Klasse gegen Klasse.

Links: Die Orginalversion des «Manifests zur Brechung der Zinsknechtschaft» des NSDAP-Mitglieds Gottfried Feder von 1919. Rechts: Eine Neuauflage des Kopp-Verlags, wie man sie etwa über exlibris.ch oder Amazon bestellen kann und dort als «ein Klassiker der modernen Zinskritik» beworben wird.

4) Im Kapitalismus wurden persönliche Herrschaftsverhältnisse von unpersönlichen, sachlich vermittelten Herrschaftsstrukturen abgelöst – Ausbeutung und Mangel werden durch das Geld objektiv und scheinbar zwanglos hergestellt und nicht durch einen Fürsten oder König durch Abgaben erzwungen. Im Alltagsbewusstsein der Opfer der Zwänge und Verheerungen des ökonomischen Prozesses, wird dies aber immer wieder auf Personen zurückgeführt. Diese Personalisierung abstrakter Verhältnisse ist an sich noch nicht schlimm – zumal die abstrakten Zwänge auch wirklich eine Gewalt in konkreten Politiker*innen und Kapitalist*innen brauchen, die Entscheidungen fällen – aber in Verbindung mit tradierten Vorstellungen und einer Prise Verschwörungstheorie landet man immer wieder bei den Jüd*innen, die im Hintergrund die Fäden ziehen würden. Gerade weil «die Jüd*innen» nicht als Herrschende offen in Erscheinung treten, sind Antisemit*innen fest davon überzeugt, dass deren geheime Weltherrschaft für Kapitalismus und Sozialismus, für Liberalismus und Marxismus zugleich verantwortlich ist – das spricht Bände über Konsistenz und Logik des Ressentiments, also auch drüber, dass man mit Argumenten dem Wahn nicht beikommt.

Die Mitte und ihre Schmuddelkinder. Formwandel und politische Spektren

Diese Phänomene – etwas salopp versehen mit den Ziffern 1 bis 4 – sind nur schematisch zum Zweck der Darstellung voneinander zu trennen. Sie müssen gerade in ihrer wechselseitigen Beziehung verstanden werden und sind hier bei weitem nicht vollständig aufgeführt. Alleine zur sozialpsychologischen Dimension und den näher an körperlichen Bedürfnissen und Abwehren angesiedelten, aber immer gesellschaftlich vermittelten, Ressentiments liessen sich Bibliotheken füllen; ebenso zu dem Spezifischen am Hass auf das Intellektuelle, das Abstrakte, das Blutleere. Die Objekte dieses Hasses haben sich in der Zwischenzeit ausdifferenziert, aber er wurde immer wieder an den Jüd*innen abreagiert. Wenn die saubere SVP neben vielen anderen propagandistischen Instruktionen mal wieder von der EU als «intellektueller Fehlkonstruktion» oder von «blutleeren Akademikern» und «abgehobenen Politikern» spricht, sollte man genau schauen, welche Affekte sie damit anspricht.

Direkt aus dem Ressentiment-Katalog des Faschismus: Kleine Auswahl von Plakaten und Inseraten der SVP. Von links nach rechts: Der «Schweizer» sagt, «Ich bin doch nicht blöd? Wir schuften und haben nichts mehr zu sagen!», während er von brillentragenden Richtern und Intellektuellen überragt und fremdbestimmt wird (2014). Linke Ratten (2004). Mit dem Besen ausfegen (2018). Gegen Linksintellektuelle und Fremdherrschaft (1991).

Mit den Ausführungen zur Beschaffenheit des Kapitalismus ist noch wenig darüber gesagt, unter welchen Umständen sich der Antisemitismus etwa verstärkt, verändert und praktisch wird. Aber der Zusammenhang dieser Momente mag vielleicht einen Eindruck von der Beharrlichkeit des Phänomens vermitteln, also zum Verständnis beitragen, warum Antisemitismus nicht nur geschichtlich erzeugt, sondern in der Logik oder Struktur dieser Gesellschaft selber verankert ist – warum der Kampf gegen Antisemitismus und der Kampf gegen den Kapitalismus also nur zusammen gedacht und geführt werden können.

Antisemitismus ist ein gesellschaftliches Problem, das sich nur gesellschaftlich lösen lässt. Und er hat sich als sehr anpassungsfähig erwiesen. So wurde beispielsweise nach der Shoah der Begriff des «sekundären Antisemitismus» geprägt. Dieser beschreibt die Tatsache, dass die Jüd*innen den Deutschen ihren schönen Nationalismus madig machen, da sie mit ihrer blossen Existenz an Auschwitz erinnern. «Auschwitz werden uns die Deutschen niemals verzeihen», soll der jüdische Psychoanalytiker Zvi Rex dazu gesagt haben. Das ist einer der Gründe, warum die Gleichsetzung Israels mit dem NS-Regime so verbreitet und – von der offenen Verhöhnung der Opfer und ihrer Nachfahren mal abgesehen – so problematisch ist: Weil sie diesbezüglich eine starke Entlastungsfunktion haben. Denn wenn die Jüd*innen heute das umsetzen, was die Nazis früher an ihnen exekutiert haben, dann ist auch die historische Schuld nicht so drückend und die einzigartige Stellung von Auschwitz in der Geschichte der Menschheit zur Unkenntlichkeit relativiert.

Die Opfer von einst sollen die Täter*innen von heute sein. Die psychologische Funktion dieser Gleichsetzung ist so banal wie folgenreich. Der Künstler auf diesem Bild scheint allerdings die Nazis gleich schlimm zu finden wie die Jüd*innen und nicht etwa umgekehrt.

Seit der Shoah tritt ausserhalb bestimmter Kreise kaum mehr jemand offen als Antisemit*in auf, sondern versteckt den Judenhass unter dem Mantel des Antizionismus, zumindest in der Öffentlichkeit. Mehr noch: Der Antisemitismus wird nicht nur kaschiert, er verändert sich eben auch den gesellschaftlichen Umständen entsprechend. Als der Philosoph und Auschwitzüberlebende Jean Améry in einem berühmten Text schrieb, dass der Antisemitismus «im Anti-Israelismus oder Anti-Zionismus wie das Gewitter in der Wolke» enthalten und dadurch «ehrbar» geworden sei, da sprach er diesen Umstand aus. Er sollte recht behalten mit seiner eindringlichen Forderung: Die Linke muss redlich sein und die Kumpanei mit dem Stammtisch, der das absolut Böse meist in einem jungen Kleinstaat am Mittelmeer vermutet, unter allen Umständen vermeiden. Aber Jean Améry sollte nur zur Hälfte recht behalten: Selbstverständlich haust in einer Wolke nicht notwendig ein Gewitter, auch wenn sich die Wetterlage recht schnell verdüstern kann. Zudem folgen Gewitter, um im Bild zu bleiben, häufig an den Abenden der schönsten Sommertage: Wenn sich jemand besonders philosemitisch, also als Freund «der Juden» hervortut, sollte man gerade im deutschsprachigen Raum tunlichst aufmerksam bleiben.

Das extrem anpassungsfähige antisemitische Ressentiment nimmt in unterschiedlichen gesellschaftlichen Spektren unterschiedliche Formen an: Die radikale Rechte hat den Hass auf die Jüd*innen fast immer mit Stolz vor sich hergetragen und in jenen Kreisen ist er auch heute noch en vogue. So gingen dann auch von den 681 antisemitischen Delikten, die allein im ersten Halbjahr 2017 in Deutschland gezählt wurden, über 90 Prozent auf das Konto von Rechtsextremen – allerdings muss die Statistik mit Vorsicht genossen werden, da mutmasslich vieles in die Kategorie «rechtsextrem» einsortiert wurde, was nicht hineingehört. Die Schweiz kennt eine systematische Erfassung solcher Vorfälle nicht, darum liegen auch keine Zahlen vor. Der Antisemitismus der radikalen Rechten ist brachial: Beachtung fand die Schweizer Naziband «Erschiessungskommando», die etwa vor vier Jahren in ihrem Lied «Bomben auf Wiedikon – Kosher-City» zum Mord an «20'000 Parasiten» im Zürcher Kreis 3 aufrief und von «brennenden Synagogen und Rabbis» fantasierte. Im Jahr darauf griffen in Wiedikon tatsächlich Neonazis einen orthodoxen Juden an.

Antisemitismus mit zwei Ausrufezeichen. In der Schweiz blieb Pegida ein Rohrkrepierer.

Der Antisemitismus hat sich seit dem Zweiten Weltkrieg ausdifferenziert, kennt aber in einigen Milieus die althergebrachten Formen noch. Konkurrenz hat er mittlerweile von einem paranoiden antimuslimischen Rassismus erhalten. Aber die besondere Funktion des Antisemitismus und die Verankerung des Ressentiments mit seinem Objekt in der gesellschaftlichen Struktur werden nicht einfach durch eine Ersatzideologie und deren Opfer zu ersetzen sein. Darum ist es wichtig, die besonderen Qualitäten und Funktionen von Antisemitismus und antimuslimischem Rassismus zu unterscheiden und konkret zu untersuchen, statt indifferent von den Moslems als den «neuen Jüd*innen» zu orakeln, wie das einige grosse deutschsprachige Publikumsmedien in letzter Zeit taten.

Seit einigen Jahren hört und liest man immer wieder vom sogenannten «importierten Antisemitismus», der besonders schlimm und aggressiv sein soll. Gemeint ist damit der Antisemitismus von muslimischen Migrant*innen, der immer sogleich von Weltwoche und Konsorten für ihre politische Agenda und die Hetze gegen Muslim*innen ausgeschlachtet wird. Man kann selbstverständlich die Augen nicht vor dem schlichten Faktum verschliessen, dass im Einflussgebiet des Irans, der Hamas und des Islamischen Staates (IS) Antisemitismus weit verbreitet ist und auf einer jahrhundertelangen Geschichte basiert. Die Aktualität des Nahostkonflikts und dessen Instrumentalisierung für geopolitische und sozialbefriedende Interessen trägt das Seine dazu bei, dass das Problem aktuell bleibt und sich politisches Aufbegehren und antisemitisches Ressentiment immer mal wieder die Hand reichen. Man muss aber innerhalb der islamischen Welt differenzieren, da die Vorurteile zwischen den islamischen Ländern und Regionen stark variieren. Wichtiger noch ist, dass man das Phänomen aus den historisch-gesellschaftlichen Bedingungen begründet und deren Erscheinung untersucht – statt, wie das gerne von sogenannten Ideologiekritiker*innen gemacht wird, den Antisemitismus schlicht aus den Suren des Korans abzuleiten. Was aber sonnenklar ist: Dem politischen Islam ist der Antisemitismus inhärent. Das Handeln und Schreiben des Muftis von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, legt davon ebenso Zeugnis ab wie jenes der Muslimbrüder, einer enorm einflussreichen sunnitischen Bewegung und deren besonders berühmten Ideologen Sayyid Qutb. Zudem muss man sich lediglich die alte Charta der Hamas (letztes Jahr wurde eine neue moderate Version ohne offenen Antisemitismus vorgelegt) oder das Hochglanzmagazin Dabiq des Islamischen Staates durchlesen oder den entsprechenden Verlautbarung verschiedener Djihadisten lauschen, um sich ein glasklares Bild zu machen.

Demonstration «Stoppt die Aggression Israels und den Völkermord in Gaza» im Juli 2014 in Stuttgart

Ganz unschuldig sieht sich immer der gute Bürger der Mitte. Er will nicht hören, dass seine schöne Gesellschaft nicht nur auf antisemitischen Traditionen basiert, sondern das Problem eben auch strukturell reproduziert. Zudem hat man längst aus dem Mainstream getilgt, was eigentlich bekannt ist: Die Formierung der kapitalistischen Gesellschaft mitsamt ihren braven Bürger*innen in Krise und Zerfall hat historisch immer wieder alte Muster von Ressentiments wiederbelebt, was man je nach Anlass auch in stabileren Zeiten beobachten kann: Erinnert sei nur an die «hitzige» Debatte Mitte der 90er-Jahre um sogenannte nachrichtenlose jüdische Vermögen aus der NS-Zeit, die von Schweizer Banken einbehalten wurden. Die Schweizer Bevölkerung, die Presse und die Politik konnten es nicht verwinden, dass der Jüdische Weltkongress (WJC) die Bereicherung der Schweizer Banken an jüdischem Vermögen zum internationalen Thema machte. Christoph Blocher, damals noch unumstrittener Patron der SVP, sagte 1997 mitten im diskursiven Aufruhr an einem Vortrag vor tausend Personen: «Die jüdischen Organisationen da, die Geld fordern, sagen, es gehe letztlich nicht ums Geld. Aber seien wir ehrlich (Gelächter setzt ein): Um genau das geht es (Applaus).» Die Zürcher Sektion der SVP schaltet im selben Jahr ganzseitige Inserate, in denen sie sich für ihren Kampf gegen den «sozialistischen und goldenen Internationalismus» rühmte. Der Ausdruck «Goldene Internationale» ist eine stehende Wendung im Antisemitismus. Er stamme aus der NS-Propaganda und meine das «Weltjudentum», hielt die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus in einem Bericht von 1997 fest.

Viele der verbalen und praktischen Angriffe gegen (Sozial-)Schmarotzer, «die da oben», blutleere Politiker*innen oder gegen die zersetzenden Linken, die man aus der rechtsdrehenden Mitte hört, speisen sich ebenfalls aus denselben Quellen wie der Antisemitismus. Eine Fokussierung und Aktualisierung des Antisemitismus in Zeiten der gesellschaftlichen Formierung dürften zumindest nicht überraschen. Aber der gute Steuerzahler und FDP-Wähler zeigt lieber auf die anderen: Auf die Rechten, wenn er sich auf seinen Liberalismus noch etwas einbildet. Und auf Muslim*innen oder die Linken, wenn er die Weltwoche oder mittlerweile auch die NZZ liest.

Dabei wären es gerade die radikalen Teile der Linken, die mit dem ganzen Verhängnis und damit auch mit dem Antisemitismus aufräumen könnten. Es wäre die marxsche Kritik, die ein Antidot zum Antisemitismus wäre, weil sie Zusammenhänge aufzeigt und Strukturen offenlegt. Und weil sie die Totalität begrifflich fasst und kritisiert, die der/die Antisemit*in nicht abschaffen, sondern unter dem Schlagwort des Antikapitalismus lediglich von besonderen «Auswüchsen» befreien will. Leider und zur grossen Schande ist ein nicht unwesentlicher Teil der Geschichte der radikalen und auch der weniger radikalen Linken «etwas» anders verlaufen, als es diese recht banalen Feststellungen vermuten liessen.

Antisemitismus in der Linken. Die Linke als Teil dieser Gesellschaft

Die Linke bekundete je nach historischem Kurs grosse Mühe, die mal verschwommenen, mal überdeutlichen Elemente des Antisemitismus in ihren eigenen Reihen klar zu benennen und zu bekämpfen. Die Geschichte jener Teile der Gesellschaft, die unter dem Label «Linke» firmieren, ist komplex und verworren, ihr Verhältnis zum Antisemitismus ebenso. Dies könnte man für die etwas schwammige Unterabteilung «radikale Linke» etwa an der Geschichte des Realsozialismus nachzeichnen: Von den Versuchen der Integration und der Bekämpfung des Antisemitismus unter den frühen Bolschewiki – unter dem Eindruck der Pogromwellen während des Bürgerkriegs – bis zum Slánský-Prozess in der CSSR und den Kampagnen gegen die sogenannte Ärzteverschwörung in der SU. Beide waren vor allem gegen Jüd*innen gerichtet und in der allgemeinen stalinistischen Paranoia mit antisemitischen Stereotypen durchzogen. Man könnte die Transformationen des Verhältnisse zum Antisemitismus auch an der bewegten Geschichte der verschiedenen Fraktionen der deutschen Linken nachzeichnen: Von der Bejubelung der israelischen Staatsgründungen durch die Neue Linke bis zum Anschlagsversuch auf das Jüdische Gemeindehaus Berlin am Jahrestag des Novemberpogroms und zur mutmasslichen Selektion jüdischer Passagiere bei der Entführung eines Passagierflugzeugs unter Beteiligung der Revolutionären Zellen. Und schlieslich der tragisch-komischen Entwicklung eines Teiles der sogenannten antideutschen Linken, der sich in den 1990ern als Reaktion auf «Wiedervereinigung» und Pogrome konstituiert hatte. Das alles ist detailliert dokumentiert und teilweise als Tradition in die Linke eingegangen. Und dies wird in seinen schlechtesten Aspekten und Momenten von der Mitte und von Rechts gegen die Linke verwendet – ohne die Komplexität und Widersprüchlichkeit auch nur im Ansatz zu thematisieren. Zugleich wird das Problem aber von Links gerne unter den Teppich gekehrt. Dass besondere Momente antisemitischen Denkens in der Linken immer wieder hervortreten hat verschiedene Gründe:

Demonstration am 1. Mai um 1970 in der Sowjetunion. Auf der Installation mit der obligaten Weltspinne steht geschrieben: «Der Zionismus ist eine Waffe des Imperialismus»

1) Der antiimperialistische Kanon hat sich je nach Galionsfigur und historischem Kurs immer mal wieder mit einem brachialen Antizionismus verschmolzen, der die Grenze des Antisemitismus eins ums andere Mal überschritt. Natürlich ist nicht jede Kritik am Zionismus antisemitisch, aber in Zeiten, in denen sich der Antisemitismus gerne mit der Ablehnung Israels und seiner Staatsideologie tarnt, muss man schon sehr genau hinhören, wer da was und warum mit welchen Bildern kritisiert. Besonders die harten Verfechter*innen der nationalen Befreiung von allerhand Völkern, sind mit «Volk» und «Nation» zumindest in einem diskursiven Raum unterwegs, der historisch eine enge Verbindung zu wesentlichen Momenten des Antisemitismus aufweist. Auffällig ist unter diesen Figuren mindestens eine sonderbare Schieflage: Der Zionismus ist bei ihnen oftmals eine Schimäre, ein Trugbild zwecks einfacher Feindbildkonstruktion. Während man noch jedem zweiten Völkchen seinen eigenen Kleinstaat wünscht – auch gerne in inniger Verbundenheit von Bourgeoisie und Proletarier*innen – wird der Zionismus zum kolonial-rassistischen Projekt eingedampft. Der Zionismus setzte sich aber nach der Erfahrung der Shoah gerade als nationaler Weg der Befreiung durch, etwa gegen die sozialistischen Bundist*innen. Historisch kennt er dabei sehr unterschiedliche Strömungen, darunter etwa auch sozialistische. Er ist weit komplexer als er bei unseren Völkerfreund*innen heute in der Regel verhandelt wird: So vertrat etwa der bekannte Sozialist Moses Hess zionistische Positionen und auch Teile der Kibbuz-Bewegung in Israel wurden mit ihrem politischen Programm erst Mal von Linken bejubelt.

2) Ein weiteres Problem der Linken ist, dass sich der Antisemitismus als gegen oben gerichtete Ideologie darstellt. Gegen das Finanzkapital oder die Weltverschwörung, die rebellische Antisemit*in weiss sich immer mit den Unterdrückten der Welt einig. Es ist dies die konformistische Variante der Rebellion, der Aufstand gegen vermeintliche Herrschaft, die objektiv die wirkliche Herrschaft zu verewigen hilft. Das ist eine der historischen Kontinuitäten des Hasses auf die Jüd*innen. Wie beschrieben, speist sich die Auflehnung gegen den Zins, die Banken oder das Finanzkapital aus der Erscheinung des Kapitalismus und dem Schein, dass die Zirkulation für die Ausbeutung verantwortlich ist und die Jüd*innen historisch in diese Sphäre verbannt wurden. Natürlich sind Banken und Finanzkapital Teil des Gesamtverhängnisses und als solche Gegenstand der Kritik, aber wer sich isoliert auf den Zins oder das Finanzkapital stürzt, den sollte man mit seiner Argumentation genau unter die Lupe nehmen.

3) Ebenso verhält es sich mit Verschwörungstheorien, die als Kritik an den geheimen «Herrschenden» auftritt. Bloss weil jemand aus einem Vortrag von Daniele Ganser läuft und hinter dem Anschlag auf das World Trade Center eine Art Verschwörung vermutet, ist er natürlich längst kein*e Antisemit*in – auch wenn man sich bewusst sein muss, dass bereits in den ersten Tagen nach dem 11. September 2001 die ersten behaupteten, dass die angeblich mitwissenden Jüd*innen an diesem Tag von ihrer Arbeit in den Twin Towers ferngeblieben seien. Natürlich gab es in der Geschichte der Menschheit immer wieder Verschwörungen und Intrigen von Mächtigen zur Durchsetzung ihrer Interessen, etwas anderes anzunehmen wäre absurd. Aber wenn jemand die Geschichte der Menschheit als eine Abfolge von Verschwörungen konstruiert – verbunden in der Regel mit den Illuminati, den Freimaurern oder den Rothschilds – dann liegt der Verdacht schon näher (und bei den beiden letztgenannten muss man schon verdammt grosszügig über die antisemitische Schlagseite wegsehen) und es muss nach den psychologischen Quellen für diese nahe an den Wahn gebaute Welt- und Geschichtsverklärung gesucht werden. Spätestens wenn dann Verschwörungstheorie und Zinskritik oder Bankenschelte zusammenfinden, ist man mit grosser Sicherheit beim manifesten Antisemitismus gelandet.

Verschwörungstheorie in Diagrammform: «Der Aufbau des internationalen Judentums» aus dem sogenannten SS-Leitheft Band 2 von 1936, einer Zeitschrift der Nationalsozialisten, die besonders unter Mitgliedern der SS beliebt war.

Die Linke ist Teil dieser Gesellschaft und als solche natürlich von der Ideologie, die diese Gesellschaft erzeugt, auch erst mal infiziert. Es ist aber falsch, wenn man antisemitische Momente der Linken aus ihrer spezifisch linken Position und Theorie herleitet, wie das von Rechts und der Mitte gerne gemacht wird. Sattdessen muss man gerade erklären, wie gesellschaftliche Ideologie – bei den Punkten 1 bis 3 unter anderem Nationalismus, konformistische Rebellion, Zirkulationsfixierung und Personalisierung – und entsprechende antisemitische Bilder im linken Prisma erscheinen. Das heisst auch, dass man Theorien etwa eines Silvio Gesell oder Pierre-Joseph Proudhon (und unzähligen weiteren aus den letzten beiden Jahrhunderten) danach untersuchen muss, wie hier die besondere Kritik, an dem was sie als Kapitalismus fassen, und die gesellschaftlich hergestellten Vorurteile zusammen fliessen – das wurde in jüngerer Zeit vor allem mit dem Instrumentarium der marxschen Kritik geleistet.

Diskurstrolls und Distinktion. Zur Verkomplizierung der Debatte

Der Begriff des «strukturellen Antisemitismus» scheint im Kampf gegen diese Problemlagen spontan erstmal ein taugliches Mittel. Er soll markieren, wo Argumentationsfigur oder Bildsprache antisemitischen Vorstellungen ähnelt. Mittlerweile wurde der Begriff aber längst zum Kampfwort umfunktioniert und zwar auch, weil er von Anfang an wenig tauglich war: Als Schlagwort diente er schon früh dazu moralisch zu brillieren, aber die konkreten Problemstellungen eher zu verdunkeln, weil man oftmals insgeheim falsche Kritik – wie etwa Personalisierungen – als Antisemitismus auffasste, auch wenn man ein «strukturell» voranstellte. Stattdessen müsste man am konkreten Fall jeweils herausarbeiten, wie die Argumentationen und Bilder im Kontext funktionieren: Welche kapitalistischen Prozesse etwa personalisiert werden und wem die Subjekt-Funktion dafür zugedacht wird. Welche Ziele – wie das Finanzkapital oder die Manager*innen – warum für eine Schelte ausgesucht werden und welche Rolle diese in der Gesellschaft tatsächlich spielen. Wie etwa die Schmähung von Zinsen und Banken, nationalistische Versatzstücke oder Verschwörungstheorien verknüpft werden und in welchen Bildern und welchem Vokabular dies geschieht. Nur so wird überhaupt erkennbar, welche Argumente und Ansätze ins antisemitische hineinreichen und wie sie kritisiert werden müssen, statt nach Signalwörtern Ausschau zu halten und schlicht «haltet den strukturellen Antisemiten!» auszurufen.

Dazu fehlt es dann leider oftmals an Redlichkeit oder am Vermögen. Stattdessen operiert man zum Distinktionsgewinn mit den Bezeichnungen «verkürzte Kapitalismuskritik» oder in der neueren Version mit dem Vorwurf «regressiver Kapitalismuskritik», deren Inhalt man irgendwie in der Nähe des Antisemitismus vermutet – was auch der Fall sein kann. Verkürzt oder regressiv ist die Kritik aber nicht, man kann sie weder verlängern noch wollen die Urheber*innen auf frühere Entwicklungsstufen der Gesellschaft zurück (der Begriff «Regression» ist der Psychoanalyse entlehnt und meint einen Abwehrmechanismus, der zu früheren Entwicklungsstufen der Persönlichkeit zurückführt). Sie ist in aller Regel schlicht und einfach falsch und muss darum einer treffenden Kritik unterzogen werden.

Die Instrumentalisierung des Antisemitismusvorwurfs verkompliziert die Lage zusätzlich. Nicht nur werden für innerlinke Grabenkämpfe – das aber passiert hierzulande kaum – grosse Kaliber aufgefahren, auch aus der Mitte der Gesellschaft und von Rechts werden die Anschuldigungen mit dem Eifer der Gerechten erhoben: Es gäbe eine ganze Geschichte des politisch motivierten Antisemitismusvorwurfs zu schreiben. In die Annalen des propagandistischen Journalismus wird vermutlich eine Titelseite der Weltwoche vom April dieses Jahres eingehen: Die hehren Journalist*innen gegen den Antisemitismus schafften es tatsächlich auf derselben Titelseite vor einem «neuen Antisemitismus» der Muslime in Europa zu warnen und zugleich Viktor Orbán als «Segen für Europa» zu bezeichnen (Bild). Jenen Viktor Orbán der in der Kampagne gegen George Soros platt aber gekonnt auf der Klaviatur des Antisemitismus zu spielen wusste und der schon im März 2017 erklärte: «Wir bekämpfen einen Feind, der anders ist als wir. (...) Sie haben keine Ehre, keine Prinzipien. Sie sind nicht national, sondern international. Sie glauben nicht an Arbeit, sondern spekulieren stattdessen mit Geld. Sie haben keine Heimat und glauben deshalb, die ganze Welt gehöre ihnen.» Jener Orban, der sich auch schon bewundernd über den ungarischen Hitler-Verbündeten Miklos Horthy geäussert hatte. Aber man muss nicht unbedingt die Hetzblätter der Rechten aufschlagen. Man braucht bloss in den Resultaten der Google-Suche mit den Stichworten «linker Antisemitismus» die entsprechenden Links von bürgerlichen Medien anzuklicken.

Weltwoche-Cover vom April 2018. Chefredaktor Roger Köppel schrieb einige Nummern später in einem Editorial selber ganz im Sinne von Orban vom «internationalen Netzwerk des amerikanischen Linksaktivisten George Soros».

Aber man sollte dann eben auch jene Links einmal anschauen, die zu Recht von Antisemitismus in der Linken berichten. Dummerweise verschränken sich politische Instrumentalisierung und treffende Kritik immer mal wieder. Und dummerweise wird der Diskurs von Extremist*innen der verschiedenen Fraktionen beherrscht, für die man im Internet einen passenden Begriff gefunden hat: Trolle. Der Effekt ist – gewollt oder nicht –, dass eine vernünftige Diskussion über den Gegenstand fast nicht mehr stattfinden kann und dass die jeweilige Troll-Fraktion durch ihren penetranten Auftritt auch den diskursiven Rahmen immer ein wenig zu ihren Gunsten verschiebt oder zumindest hofft, das zu erreichen. Leider ist es bezeichnend, dass in der Debatte auf Barrikade.info als Referenzen ausgerechnet zwei Gruppen des einen Extrems des Spektrums auftauchen: Die primär als Vehikel im deutschen Szenestreit auftretende «Jewish Antifa Berlin» und das berührungsangstbefreite Projekt der Klassenkollaboration «BDS».

Es zählt natürlich auch in diese Kategorie, dass das kleine linke Grüppchen «Initiative gegen Antisemitismus Zürich» vor einiger Zeit nicht Schlaueres wusste, als den Kölner Alex Feuerherdt einzuladen, einen bekannten Hetzer, der das Blog «Lizas Welt» betreibt. Man muss dazu aber sagen, dass diese Position in der Schweizer Linken marginalisiert ist und sich darum ein Szenestreit wie in Deutschland gar nicht entfalten könnte. Es ist darum umso eigenartiger, wenn sich etwa die Tierrechtsgruppe Zürich oder die Kommunistische Jugend Schweiz, nicht nur zu diesem Anlass sondern immer besonders dann zum Antisemitismus äussern, wenn sie von der vermeintlichen oder tatsächlichen Instrumentalisierung des Antisemitismusvorwurfs schreiben können. Damit wollen sie vermeintliche oder tatsächliche Antideutsche schmähen. Die gibt es hierzulande bekanntlich kaum, was man trotz der absurden Ausdehnung des Begriffs «antideutsch» auf allerlei abweichende Meinungen kaum leugnen kann.

Das ständige Versehen. Tradition, Struktur, Affekt und Unwissen

Dieselbe Tierrechtsgruppe warb vor wenigen Wochen weiträumig mit einem Plakat für ein «Ende des Schlachtens» (Bild), auf dem ein Kapitalist abgebildet ist, der aus einer Ausgabe der sowjetischen Zeitschrift «Krokodil» von 1959 stammt. Die Zeitschrift war ab 1930 die letzte Satirepublikation der Sowjetunion und wichtiges Verlautbarungsorgan der KPdSU, das sich ab jener Zeit der offiziellen Bildsprache bediente und auch die antisemitischen Kampagnen in der SU wie etwa 1953 gegen jüdische Ärzte mit ihren Karikaturen unterstützte. Daraus ein Bild zu entlehnen ist politisch fraglich, aber natürlich kein Vergehen. Auch ist es selbstverständlich nicht verboten, einen Kapitalisten darzustellen, bloss erinnert das Bild recht deutlich an die Bildsprache des Antisemitismus. Und wenn man 2018 die besondere politische Fehlleistung vollbringt, diese Bildsprache ganz ohne Zwang zu reproduzieren, sollte man sich schon über bewusste und unbewusste Effekte Gedanken machen – gerade wenn man in einem Milieu unterwegs ist, in dem gerne vom «Holocaust an den Tieren» palavert wird und in dem auch notorische Antisemit*innen ihr einflussreiches Unwesen treiben. Bedauerlich ist der mindestens unbedarfte Umgang mit bestimmten Bildern auch, weil sich die Tierrechtsgruppe Zürich in der Vergangenheit klar gegen den recht brachialen Antisemitismus im «Verein gegen Tierfabriken» positioniert hat, also das Problem durchaus kennt.

Links: Das Plakat für die Demonstration «Das Schlachten beenden». Ein Goldzahn wurde aus der Original-Karrikatur wegretuschiert. Mitte: Karrikatur aus der Sowjetunion von 1973 zeigt den zionistischen Juden (steht auf der Weste) als verschlagenen, gerissenen Typen. Rechts: Wahlplakat der NSDAP von 1924.

In einer auf antisemitischen Traditionen basierenden Gesellschaft wäre mindestens Sensibilität angezeigt: Die JUSO hat es 2016 zustande gekriegt mit einer wirklich deutlich antisemitischen Karikatur (Bild) für die Spekulationsstopp-Initiative zu werben – ausgerechnet bei diesem Thema kommt dann die alte Bildsprache wieder hoch, welche «die internationale Finanzlobby» bezeichnen sollte. Die rasche und deutliche Reaktion der Jungpartei auf Kritik lässt mutmasslich darauf schliessen, dass es sich um ein Versehen handelte. Aber der Vorfall zeigt, dass mangelnde Sensibilität und Geschichtsvergessenheit kombiniert mit einer zu bestimmten Themen eingeschliffenen Bildsprache, gefährlichen Unsinn produzieren kann. Wenn man vom Gegenstand keine Ahnung hat, könnte man sich als Richtlinie wenigstens vornehmen in der Bildersprache auf weltumspannende Kraken, Bösewichte mit sechszackigen «Sheriffsternen» oder besondere physiognomische Merkmale einfach zu verzichten – damit wären immerhin einige der gröbsten Aussetzer vermieden.

Karrikatur der JUSO zur Spekulationsstopp-Initiative. No Comment.

Die Probleme gelten aber nicht ausschliesslich für die Ebene der Bildsprache. Seine Kampagne zum 1. Mai 2010 bewarb das Revolutionäre Bündnis Bern zum Beispiel mit einem Plakat auf dem ein Puppenspieler mit Totenschädel einige blinde Figuren an seinen Fäden führt, die sich teilweise losschneiden wollen (Bild). Die Autonome Antifa Freiburg nahm dies zum Anlass, dem Bündnis und der befreundeten Reitschule die Reproduktion antisemitischer Stereotypen vorzuwerfen. Dabei verwies sie mit einigem Recht auf Parallelen zur Bildsprache der Nationalsozialist*innen, versuchte dann aber etwas hölzern jedes Detail des Plakats in die Nähe antisemitischer Motive zu rücken – so stellte für die Freiburger*innen etwa die fehlende Nase des Totenkopfs einen Stellvertreter der stereotypen «Judennase» dar. Das Resultat des aussichtslosen Unterfangens: Die Druckerei der Reitschule entschuldigte sich pflichtschuldig, das Revolutionäre Bündnis wollte öffentlich gar nichts einsehen. Stattdessen hätte man hier gerade die inhaltliche Problematik am Bild des Puppenspielers entwickeln können. Zu kritisieren ist daran ja erst mal, dass es ein völlig falsches Verständnis der Funktionsweise des Kapitalismus befördert – das eben auch in antisemitischen Vorstellungen eine wichtige Rolle spielt, weshalb die Wahl des Motivs des Puppenspielers natürlich kein Zufall ist. So wird der Kapitalismus nicht als gesellschaftliches Verhältnis verstanden, in dem die Einzelnen zwar bewusst handeln, aber eben unter bestehenden Strukturen und Zwängen (dazu im letzten Teil des Artikels mehr). Er wird viel mehr als ein System dargestellt, das von bestimmten Personen oder Gruppen im Geheimen organisiert wird, in dem sie die blinden Menschen an ihren Fäden führen.

Links: Das Plakat des Revolutionären 1. Mai Bündnisses von 2010. Mitte unten: Karrikatur aus der Sozialdemokratischen Zeitschrift «Der wahre Jacob» von 1906, die sich immer wieder problematischer Bilder bediente und wiederholt die offen antisemitische Parole «Wider Junker und Juden» illustrierte. Rechts gross: Antisemitisches Poster aus einer Anti-Freimaurer-Ausstellung im von Nazis besetzten Serbien von 1941.

In einem Demoaufruf von letztem Dezember vermutete ein autonomes Antifa-Bündnis aus dem Tessin «hinter der sauberen Maske» des Kantons neben «korrupten Geschäftemacher*innen» und «hiesigen Kapitalist*innen» auch die berüchtigten Freimaurer. Spätestens seit den berühmten «Protokollen der Weisen von Zion» – einer einflussreichen Hetzschrift aus dem Jahr 1897 – ist die Verquickung von Freimaurerei und der jüdischen Weltverschwörung im Antisemitismus wohlbekannt, auch wenn sie schon seit dem 18. Jahrhundert eine Rolle spielt. In der Fälschung, die vorgeblich das Geheimprotokoll einer Sitzung während des ersten Zionistenkongresses ist, steht unter vielen anderen Lügen auch: Es sei von den Zionist*innen beschlossen worden, sich zur Erringung der Weltherrschaft geheimer Freimaurerlogen in der ganzen Welt zu bedienen. Wenn man heute diese Gruppe aussucht – die übrigens offen auftritt und Werten der Aufklärung verpflichtet ist, aber geheime Rituale betreibt und zu Verschwiegenheit verpflichtet – statt etwa die Lega oder die FDP und sie den Kapitalist*innen und den Geschäftemacher*innen beistellt, die «hinter den Masken» agieren, dann muss man sich schon über den «theoretischen» Hintergrund einen Kopf machen.

Links: Plakat zu einer eidgenössischen Abstimmung von 1937. Urheber der Volksintiative war das Komitee «Schweizerische Heimatwehr, Faschistische Bewegung». Mitte und rechts: Plakate aus der Anti-Freimaurer-Ausstellung von 1941 im besetzen Serbien. Zu lesen: «Seine Werkzeuge: Demokratie, Freimaurerei, Kommunismus, Kapitalismus».

Die Gruppe «Internationale Kommunistische Strömung» (IKS) brachte schliesslich das Kunststück fertig, die herrschaftssichernden Verschwörungen gegen die Arbeiterbewegung – die es zweifelsfrei gegeben hat – als eine mehr oder weniger kohärente Geschichte der Freimaurerei zu erzählen. Der entsprechende Artikel mit dem appellativen Titel «Marxismus gegen Freimaurerei» schliesst nach einer Darstellung der Freimaurer als «Speerspitze der Versuche der Bourgeoisie, die kommunistische Organisation von innen zu bekämpfen» mit der Behauptung: Es werde «die Tatsache von der Bourgeoisie unter Verschluss gehalten, dass in der Dekadenz [seit dem ersten Weltkrieg, K.K.] die alten Traditionen der Infiltration von Arbeiterorganisationen durch Freimaurer ebenfalls Teil des Repertoires des demokratisch-totalitären Staates geworden sind.» Selbst die linksextremen Versionen solcher konterrevolutionärer Organisationen seien nicht weniger aktiv, schmeisst die IKS alles in einen grossen Topf, in dem die Freimaurer rühren. So lässt sich eine alte «Theorie» natürlich auch aktualisieren und dabei gleich noch vergessen machen, dass die Bourgeoisie in Nationen und Lager gespalten ist. Für die Infiltration haben bislang die offiziellen Geheimdienste und ihre formellen wie informellen Netzwerke mutmasslich ganz gute Dienste geleistet – man kann es nur jeweils nicht so genau wissen, wie das bei Geheimoperationen halt der Fall ist. Woher dann aber das «Wissen» der IKS stammt, bleibt vermutlich ihr Geheimnis.

Diese Symptome sind beileibe keine Einzelfälle. Es wäre dringend angezeigt, die Augen offen zu halten: Gerade dann wenn sich in breiteren sozialen Bewegungen die Grenzen zwischen «radikalen Linken» und Zinskritiker*innen, Verschwörungstheoretiker*innen und anderen zwielichtigen Figuren nicht mehr klar ziehen lassen.

Links: Dieses Bild von einer Anti-WEF-Demonstration in Davos von 2003 brachte es zu einiger Berühmtheit. Rechts: Karrikatur von Carlos Latuff, der sich selber als «antikapitalistisch und antiimperialistisch» charakterisiert und von manch Linken geschätzt wird.

2014 organisierten die Gesellschaft Schweiz Palästina und BDS Zürich anlässlich eines grossangelegten militärischen Angriffs Israels auf Gaza eine Demonstration – aufgerufen hatte ebenso der marginale wie fundamentalistische Islamische Zentralrat (IZRS). Im Vorfeld der Demonstration wurde massiv antisemitisch gehetzt, am Aufmarsch selber wehten schliesslich Fahnen der antisemitischen Hamas und auch Gleichsetzungen des Davidsterns mit dem Hakenkreuz und ähnliche Dinge durften nicht fehlen (Bild). Das lässt sich kaum mehr als Versehen abzutun. Auf dem Podium traten damals neben dem IZRS-Spinner und ehemaligen Pro-PLO-Schweiz-Gründer Quasim Illi auch der damalige grüne Nationalrat und Präsident der Gesellschaft Schweiz-Palästina, Daniel Vischer, sowie Thomas Bachmann für BDS Zürich auf. In einer offiziellen Distanzierung vom zu offensichtlichen Antisemitismus beklagte Vischer in der Berner Zeitung im Nachgang vorallem, dass der Judenhass auch Palästinenser*innen schade. Die Restlinke schwieg vornehm. Angesichst solcher Zustände darf es nicht erstaunen, wenn sich die Mitte und die Rechte mit Genuss auf das Thema stürzen.

Eindrücke von der Demonstration in Zürich 2014.

Ein Antidot. Begriff und Kritik statt Schlagwort und Vorwurf

Man muss sich klar gegen die problematische Schlagseite und die Träger*innen der Ideologie stellen. Das bedeutet keineswegs in einen moralischen Alarmismus zu verfallen, der die Instrumentalisierung des Antisemitismusvorwurfs durch die politische Mitte reproduziert. Aber die Linke muss dringend ihren Blick schärfen und sich von jeglichen antisemitischen Spurenelementen distanzieren – nicht «nur» den jüdischen Genoss*innen, Freund*innen und den übrigen Bedrohten zuliebe, sondern auch, weil das Projekt der Emanzipation davon in Mitleidenschaft gezogen wird.

Um zum Ausgangspunkt des Textes, der Stellungnahme unserer Genoss*innen vom Barrikade-Kollektiv, zurückzukehren: Dort ist nach einer «Triggerwarnung» immer wieder von «Awareness», «Definitionsmacht» und «Privilegien» die Rede, wenn es um den Kampf gegen Antisemitismus geht. Man mag diese Konzepte für die Verhinderung von Verletzungen und korrektes Verhalten der Einzelnen für tauglich halten oder nicht, aber für eines taugen sie mit Bestimmtheit nicht: Zur allgemeingültigen Bestimmung und damit auch Abschaffung von Antisemitismus und den gesellschaftlichen Strukturen, die ihn immer wieder erzeugen.

Ein Mittel dazu wäre die materialistische Dialektik und die Kritik der Politischen Ökonomie, wie sie von Karl Marx und vielen anderen – gerade auch heterodoxen Denker*innen – weiterentwickelt wurde. Marx, der einer Rabbinerfamilie entstammte, hat sich an manchen Stellen krass verächtlich über seine Kontrahent*innen geäussert – vor allem eine Stelle wird immer wieder zitiert, in der er Ferdinand Lasalle als «jüdischen N**» bezeichnet. Der Mann war ein manischer Pöbler und nicht frei von teils rassistischen Vorstellungen, so dass man eigentlich froh sein kann, ihn nicht kennen gelernt zu haben. Aber schon die vieldiskutierte Schrift «Zur Judenfrage» von 1843, die bereits von Hannah Arendt und in der Folge von unzähligen Theoretiker*innen miserabel interpretiert wurde, beinhaltet gerade die Rückführung des antisemitischen Stereotyps auf die bürgerliche Gesellschaft – zugegeben mit einigen problematischen Formulierungen, in denen «Jude» als in der gesellschaftlichen Emanzipation aufzuhebende Kategorie verhandelt wird, weil in ihr gesellschaftlich erzeugte Eigenschaften zum Ausdruck kommen sollen. Aber die «reifere» marxsche Theorie schliesslich, insbesondere die Kritik der Politischen Ökonomie wie sie etwa im «Kapital» entwickelt wird, ist systematisch gegen antisemitisches Denken gerichtet.

Sie legt gesellschaftliche Zusammenhänge, abstrakte Zwänge und Fetischisierungen offen und zeigt damit, wie Antisemitismus in unserer Gesellschaft verankert ist (etwa was in diesem Text unter dem Zwischentitel «Zur Logik des Antisemitismus» unter den Punkten 1 bis 4 verhandelt wurde). Die Kritik der Politischen Ökonomie kann also zeigen wie Herrschaft durch Sachen vermittelt ist, wie Menschen dadurch herrschen, dass sie die sachliche Mittel wie Kapital besitzen. Wie die Menschen dabei aber eine über ihnen stehende, fremde gesellschaftliche Macht produzieren, das Kapitalverhältnis also zugleich auch jene beherrscht, die davon profitieren und durch es herrschen. Das bedeutet, dass sich die Kapitalist*innen nach einer Rationalität verhalten müssen, die ihnen vom ökonomischen System aufgezwungen wird – die sie aber selbstverständlich willfährig exekutieren, um weiterhin vom System zu profitieren. Diese Erkenntnis würde gerade den Schleier über dem Verhängnis lüften, das nicht nur Zwänge erzeugt, sondern in dem viele immer wieder soweit geschädigt werden, dass sie sich gegen das auflehnen, was sie fälschlich als «das System» auffassen. In diesem vermeintlichen Aufbegehren gegen «oben» kriegen sie eben häufig nicht den Kapitalismus mit seinem Personal ins Blickfeld, sondern nur einen Sündenbock, weil dies in Geschichte und Struktur dieser Gesellschaft angelegt ist. Dies macht den Antisemitismus zur besonders wirksamen konterrevolutionären Ideologie und damit auch zu einem eminent wichtigen Thema für alle, die an einer Überwindung des Kapitalismus arbeiten.

Zudem zeigt die marxsche Kritik, dass diese Gesellschaft eine Klassengesellschaft ist und dass die Zugehörigkeit zu den beiden grossen Klassen keine Frage von Religion, Nation oder sonstigem Firlefanz ist. Was die materialistische Dialektik also zeigen kann, ist nicht weniger, als was abzuschaffen ist, damit der Antisemitismus nicht mehr ist – und wie das dereinst zu bewerkstelligen wäre.

PS. Der Komplex Israel-Palästina wurde in diesem Text absichtsvoll umschifft, obwohl damit bei der Behandlung des Antisemitismus wichtige Aspekte aussen vor gelassen werden müssen. Das Thema ist so schon emotional genug aufgeladen, ohne die waffenstarrende Brutalität, die irren Gemengelagen und die staatliche wie private Propaganda auch noch zu diskutieren. In Kosmoprolet 4, «Israel, Palästina und der Universalismus», wurde der Versuch unternommen dies zu tun und den Konflikt mit seiner Geschichte aus sozialrevolutionärer Perspektive zu verhandeln. Desweiteren ist in diesem Zusammenhang der aufschlussreiche Text «Hintergründe der Intifada im 21. Jahrhundert» zu empfehlen, der zwar schon 2002 geschrieben wurde, der aber versucht, Geschichte und Konflikt in der Region unter klassentheoretischen Gesichtspunkten zu entschlüsseln.