Peter Schaber vom Lower Class Magazine war mit einigen seiner Redaktionskollegen längere Zeit in Kurdistan, wo er den revolutionären Prozess begleitete. Ende Mai war Peter in Zürich zu Besuch und hat mit uns über seine Erfahrungen gesprochen. In diesem zweiten und letzten Interview-Teil geht es um Öcalan, die Rolle von Avantgarden sowie um die nordsyrisch-kurdische Polizeieinheit Asayish.

Hier gehts zum ersten Teil des Interviews.

Louis Libertini: Die Neuausrichtung der PKK, weg von nationalstaatlichem Separatismus hin zum demokatischen Konföderalismus, wird gemeinhin auf eine ideologische Kehrtwende von Öcalan zurückgeführt. Handelt es sich tatsächlich um eine Top-Down-Entwicklung und seht ihr neben ideologischen auch strategische Gründe für diesen Wandel?

Peter Schaber: Ich kenne natürlich die internen Diskussionen der PKK in den 1990er Jahren nicht, aber ich kann mir vorstellen, dass vor allem die Auswertung des Scheiterns des Sozialismus in der Sowjetunion für das veränderte Staatsverständnis eine Rolle gespielt hat. Ich glaube, der Kern des Paradigmenwandels liegt, in Kombination mit einer Neubewertung von wichtigen Pfeilern wie zum Beispiel dem Patriarchat, in diesem veränderten Staatsverständnis. In der politischen Linie setzte sich die Ansicht durch, dass der Staat für ein emanzipatorisches Projekt die falsche Form ist, weshalb sich die Idee eines kurdischen Nationalstaates verflüchtigte. Die PKK strebte nie nach einem reinen Kurdenstaat, sondern immer nach einem sozialistischen Staat in der Region Kurdistan. Der Wandel im Staatsbild spielt eine Hauptrolle in der ideologischen Entwicklung. Diese hat neben der inhaltlichen auch eine strategische Komponente, die sich am Beispiel vom Konzept des Volkskrieges zur Befreiung Kurdistans, der in den 1980er Jahren zu einem militärischen Patt führte, gezeigt hat. Das Verständnis über die Rolle des Militärs wurde im Rahmen des Paradigmenwechsels von solchen Umständen beeinflusst und neu definiert. Viele verschiedene Faktoren fliessen in diesem neuen Paradigma zusammen – sowohl militärische, wie auch theoretische. Ich glaube, dass vieles davon für eine Linke im Westen ebenfalls andenkbar ist. Es scheint mir sinnvoll, diese neuen Konzepte auch hier zu nutzen und sie sich anzueignen, wenn man hier Politik macht.

Wir dürfen aber nicht vergessen, dass in Rojava noch viele staatliche Institutionen existieren. Niemand hat jemals gesagt, dass die autonomen Regionen aus Syrien herausgebrochen werden sollen. Es ging immer um die Demokratisierung nicht nur der kurdischen Gebiete, sondern ganz Syriens. Vorläufig braucht es im Norden Instrumente die ähnlich funktionieren wie ein Staat. Ein Staat eines neuen Typs, wenn man es terminologisch korrekt formulieren will. Ein Gebilde mit vielen klassischen Staatsmerkmalen: Es gibt Zölle, es gibt eine Polizei, es gibt eine Art Gerichtsbarkeit, wenn auch eine relativ wenig formalisierte. Trotz dieser Institutionen ist es so, dass es parallel dazu auch utopische Merkmale gibt. Im Falle der Asayish wird das gut sichtbar. Es handelt sich dabei sich um eine professionalisierte Polizeitruppe und nicht um rein lokale Verbände. Das ist eigentlich nicht das, was die Bewegung will, da sich ihrer Vorstellungen entsprechend lokale Komponenten ganz um ihre eigene Sicherheit kümmern sollten. Derzeit werden die Truppen der Asayish über die YPG aufgebaut in der Hoffnung, dass diese eines Tages wieder überflüssig werden, bzw. komplett in den lokalen Strukturen aufgehen. In der momentanen Kriegssituation reicht es aber nicht aus, wenn nur die Kommunen für Sicherheit sorgen.

Wie hast du das Funktionieren der Asayish empfunden? In der Theorie ist die Asayish ja eine freiwillige Polizeistruktur, die sich aus den Dörfern rekrutiert. Letztere tragen dabei auch die Verantwortung und die Entscheidungshoheit. Gemäss Berichten haben die Asayish flache Strukturen und immer wechselnden Führungspositionen, um Machtungleichgewichte zu verhindern.

Ob die Führungspositionen ständig abwechseln, weiss ich nicht. Unsere Erfahrungen mit den Asayish waren im Wesentlichen immer sehr unspektakulär. Sie organisieren die Checkpoints auf den Strassen und führen Kontrollen durch. Die Kontrollen waren nicht ausserordentlich streng und wurden von uns als relativ lose wahrgenommen. Weder wir noch die lokale Bevölkerung wurden an den jeweiligen Checkpoints ewig durchsucht. Die Asayish setzt sich aus normalen Leuten aus der lokalen oder regionalen Bevölkerung zusammen. Ihre Mitglieder erhalten einen Lohn für ihre Arbeit bzw. eine Aufwandsentschädigung. In diesem Sinne sind sie schon eine professionelle Polizei. Das ist nicht völlig abwegig, da deren Mitglieder ihren Lebensunterhalt sichern müssen. Die Asayish haben neben den traditionellen Streitschlichtungsorganen (Mala Gel und Mala Jin) auch eine mediative Funktion. Dabei geht es nicht darum, Leute wegzusperren, sondern den gesellschaftlichen Frieden zu bewahren. Sie sollen im Falle von Streitigkeiten im Sinne der Rehabilitation entscheiden, um im Falle einer Strafe eine möglichst rasche Wiedereingliederung in die Gesellschaft zu ermöglichen. Es gibt die HPG (ältere Leute aus der Gemeinschaft die hohes Ansehen geniessen), Mala Gel und Mala Jin, die als offizielle und institutionalisierte Streitschlichtungsorgane wirken, aber auch die Asayish können in solchen Fällen zum Einsatz kommen. Im Grossen und Ganzen sind solche Angelegenheiten relativ informell geregelt. Wer einen Konflikt in einem bestimmten Fall lösen wird, hängt oft davon ab, wo dieser stattfindet und wer gerade in der Nähe ist.
Auch bei schwereren Delikten funktioniert die Justiz relativ informell. Ein Fall zu Mehrehen ist mir in Erinnerung geblieben. Die Gründung neuer Mehrehen (Polygamie) wurde gesetzlich verboten, alte Mehrehen jedoch nicht zwingend aufgelöst. In einem Fall hat ein Clanchef versucht, die Regelung zu umgehen und sich heimlich in einem anderen Ort mit einer Zweitfrau vermählen lassen. Dafür ist er in den Knast gewandert. Auf meine Frage, wie hoch seine Strafe ausfällt, erhielt ich als Antwort, dass er Bildung erhält, bis er versteht, was er falsch gemacht hat. Es gibt also keine strikt vorgegebenen Strafrahmen wie etwa im deutschen Strafgesetz. Das Ziel ist, darauf hinzuarbeiten, dass eine Person sich wieder in den gesellschaftlichen Kontext einfügen kann.

Foto: Fatty McDirty

In eurem Reisetagebuch Konkrete Utopie betont ihr explizit die Wichtigkeit der Kader für die gegenwärtige Entwicklung (speziell für den Aufbau der Rätestrukturen). Ihr schreibt, die Revolution in Rojava sei «der praktische Beweis der Richtigkeit der Leninschen Avantgardetheorie, nicht ihre Widerlegung». Die Avantgardetheorie basiert auf dem Konzept des Demokratischen Zentralismus, wohingegen der Demokratische Konföderalismus eine radikale Dezentralisierung anstrebt. Wie begründest du die Verknüpfung von Rojava und Leninismus?

Ich glaube, dass es zwei verschiedene Felder gibt. Auf der einen Seite gibt es den Aufbau ziviler Institutionen, der von unten nach oben passieren soll. Dieser folgt der Devise, dass die Leute ihre Angelegenheiten selber in die Hand nehmen sollen. Die Gesellschaft soll so dezentral wie möglich organisiert sein und die Idee der Basis- und Rätedemokratie repräsentieren. Gleichzeitig gibt es eine Kraft, die diesen Aufbau anstösst. In Rojava lässt sich sehr gut beobachten, dass das nicht einfach so passiert und nicht spontan in der Bevölkerung entsteht. Es braucht Aktivistinnen und Aktivisten, die das vorantreiben. Das verstehe ich unter Avantgarde, da dass diejenige Kraft ist, die die ersten Schritte in eine gewisse Richtung macht und die dieses Konzept in die Gesellschaft hineinträgt. Die Aktivist*innen der kurdischen Bewegung sind sehr organisiert – in der YPG genauso wie in der PKK. Da gibt es die Mythen, dass man Kommandanten wählen darf. Es hat demokratische Kontrollmechanismen, aber trotzdem gibt es eine Leitung und eine Disziplin, die mit dem Eintritt in diese Organisationen akzeptiert werden. Die revolutionäre Kraft ist als eine disziplinierte, gemeinsam handelnde Kraft organisiert und ohne diese Kraft wäre der Aufbau von Basisdemokratie in der Zivilgesellschaft nicht möglich. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er im Mittleren Osten nicht möglich wäre, weil hier die Fragen der Selbstverteidigung und des bewaffneten Kampfes zentral sind. Der bewaffnete Kampf braucht Organisation. Es kann nicht jede*r machen, was er will, in der Annahme, dadurch zum Ziel zu gelangen. Am Ende ist es wichtig, dass die Bewegung einen hohen Organisierungsgrad hat und als einheitliche Kraft funktioniert.

Reicht das bereits aus um Lenins Theorien bestätigt zu sehen oder handelt es sich dabei nicht um natürliche Entwicklungen im Rahmen eines revolutionären Prozesses? Inwiefern widerspiegelt sich denn der avantgardistische Zentralismus in der Organisationsstruktur Rojavas?

Mir persönlich ist es nicht so wichtig, wie man das nun nennt. Ich glaube, wenn man sich in der Beschreibung des Phänomens einig ist, dann reicht das. Ein Kader in Rojava ist ein Vollzeitrevolutionär, also das was Lenin einen Berufsrevolutionär nannte. Das ist charakteristisch für Kaderparteien - es handelt sich nicht um ein Hobby oder um eine Freizeitbeschäftigung. Der Kern der PKK (bzw. der kurdischen Bewegung) besteht aus Vollzeitrevolutionär*innen, die ihr Leben dem Aufbau einer anderen Gesellschaft widmen. Das halte ich für ein wichtiges Charaktermerkmal einer Kaderpartei. Wenn man nun bei Lenins Schrift «Was tun» oder bei dem «Brief an einen Genossen über organisatorische Fragen» nachschaut, dann findet man viele Gemeinsamkeiten mit der Funktionsweise der PKK als Partei. Ich finde aber den Streit, ob das nun einem bestimmten theoretischen Konzept entspricht oder nicht, auch ein bisschen müssig.

Da stimme ich zu. Das führt leicht zum Versuch, eine bestimmte Bewegung in ein theoretisches Korsett zu zwängen. Das kann auf der einen Seite spannend sein, aber auch viele Polemiken auslösen, was wiederum eine Gefahr darstellen kann...

Genau, das wären dann eher akademische Fragen. In Deutschland reden viele von «Initiativkraft». In diesem Zusammenhang glaube ich, dass das Element der Spontaneität im revolutionären Prozess stark überbewertet wird. Dadurch vergisst man, dass es eine kontinuierliche revolutionäre Kraft braucht, um diese spontanen Kräfte überhaupt zu einem Ziel hin zu orientieren.

Meinst du nicht, dass diese beiden Elemente – die Spontaneität und die Kontinuität - Wechselwirkungen sind?

Das ist aber auch bei Lenin so. Im Grunde ist es so, dass die Avantgarde bei Lenin der Teil der Unterdrückten ist, der den ersten Schritt macht, sich aber trotzdem immer als Teil der Bevölkerung versteht. Die PKK begreift sich auch in diesem Sinne als Volk des Volkes und nicht als abgehobener Teil der Bevölkerung. Mit Blick auf Bewegungen in Europa gibt es diesbezüglich wichtige Erkenntnisse, wenn wir nach Griechenland blicken und uns die Generalstreikbewegung anschauen, die Besetzung des Syntagma-Platzes zum Beispiel, den Gezi-Aufstand in Istanbul oder die Platzbesetzung der Puerta del Sol in Madrid. Da gab es quantitativ immer grosse Menschenmengen, aber nach dem spontanen Aufbegehren waren schnell kaum mehr Spuren in der Gesellschaft vorhanden. Das hat unter anderem mit der Repression zu tun, aber ebenfalls mit dem Umstand, dass die Repression nicht ausgehalten wurde. Das hängt damit zusammen, dass keine kontinuierlich arbeitende Kraft vorhanden war. Die Geschichte der kurdischen Bewegung in Baku zeigt im Gegensatz dazu, dass die organisierte Parteistruktur das verknüpfende Element war. Die Partei hat schwierige Zeiten überlebt, konnte das spontane Aufbegehren organisieren und sich regenerieren. Ohne die Existenz dieser Kontinuität gäbe es heute wohl diese Revolution nicht.

In Anbetracht des ideologischen Wandels der PKK hin zu einem dezentralisierten politischen Modell – nicht nur der Gesellschaft, sondern auch der revolutionären Organisation – und der von dir geäusserten Interpretation: Da ergeben sich doch gewisse Widersprüche? Sind diese Widersprüche ein Problem, oder liegen die in der Natur der Sache?

Ich würde sagen, dass dieser Prozess nicht als Kritik an der Organisation von marxistisch-leninistischen Parteien zu verstehen ist. Dass es bei der PKK kleine dezentrale Einheiten gibt, die sich isoliert in den Bergen aufhalten und ihr kollektives Alltagsleben organisieren, hat mit der Guerilla-Kriegsführungstaktik zu tun. Das bedeutet aber nicht, dass es nicht trotzdem ein Zentralkomitee und übergeordnete Instanzen gibt, die die allgemeine Strategie für einen bestimmten Kampf beschliessen. Ansonsten würden diese Einheiten völlig ziellos in den Bergen herumirren und wüssten nicht, worauf sie sich fokussieren bzw. vorbereiten müssten. Das ist auch in Rojava so: es ist nicht so, dass in Rakka jede Enheit für sich selber entscheidet, was sie an dem Tag machen will. Das wäre gar nicht möglich, weil einzelne Einheiten gar keinen Überblick über die Gesamtlage haben.

Würdest du sagen, dass das auch für die Selbstverwaltungsstrukturen gilt?

Nein. Bei den Selbstverwaltungsstrukturen ist es eher umgekehrt. Da ist es so, dass die kleinste Einheit diejenige ist, die am nächsten bei der Basis ist und am meisten entscheiden soll. Nur was da nicht entschieden werden kann, soll auf der nächst höheren Ebene entschieden werden.

Wie verhalten sich diese beiden unterschiedlichen Organisationskonzepte zueinander. Auf der einen Seite die Selbstverwaltungsstruktur, die auf dem Dezentralisierungsgedanken beruht. Auf der anderen Seite die Organisationsstruktur der YPG/PYD, die immer noch sehr zentralisierten Machtstrukturen folgt?

Die Organisationsweise ist ein bisschen gegenläufig und die Funktion der Aktivist*innen, also der Initiativkraft, ist es, diese Strukturen aufzubauen und sich daraus zurückzuziehen, sobald sie mit Leben gefüllt sind. Das ist das, was ich beobachtet habe. Wenn Kommunen aufgebaut werden, dann werden zu Beginn gewisse Aufgaben von Aktivist*innen aus der kurdischen Bewegung mit dem Ziel übernommen, sich in dieser Struktur selbst überflüssig zu machen. Es ist eine Art Hilfe zur Selbstständigkeit und das scheint mir auch richtig in einer Avantgardestruktur.

Zu den Kämpfen in Rojava: du hast dich im Anschluss an eure Reise den Volksverteidigungseinheiten angeschlossen und aktiv an der Befreiung von Rakka teilgenommen. Die grösste Gefahr für das Projekt der Selbstverwaltung hast du dabei im «Zerfall der Einheit von zivilem Aufbau, der Gestaltung des eigenen Zusammenlebens und des bewaffneten Kampfes» gesehen. Kannst du diese Gefahr genauer erklären und siehst du mögliche Lösungsansätze dafür?

Im Zusammenhang mit dem Bündnis der Syrian Democratic Forces haben sich innerhalb kurzer Zeit viele Gruppen, die nicht dem politischen Paradigma der kurdischen Bewegung folgen, angeschlossen. Es handelt sich nicht unbedingt um linke Gruppen, sondern um verschiedenste arabische, assyrische und weitere Milizen. Dabei blieb die Politisierung dieser Gruppen hinter der militärischen Notwendigkeit zurück, die es zu dieser Zeit gab. Die Schuld dafür trägt keine Gruppe, sondern die Kriegssituation in Syrien. Es gab keine anderen Möglichkeiten, grosse Menschenmassen an die Front zu schicken. Es gab natürlich die Hoffnung, dass es nach der Befreiung von Rakka einen Status für Rojava innerhalb eines gesamtsyrischen Friedensprozesses geben würde. Das wäre dann die Gelegenheit gewesen um die tausenden Menschen, die sich diesem Kampf angeschlossen haben, in die Zivilgesellschaft zu integrieren, mit Bildung zu arbeiten und die Politisierung voranzutreiben. Das wäre wichtig gewesen, um die revolutionäre Kultur zu verbreitern und zu vertiefen. Die russische Seite hat sich jedoch anders entschieden und der Türkei die Möglichkeit gegeben, Afrin anzugreifen. Dadurch ging der Krieg in eine neue Runde. In und um Afrin können sich nun neue dschihadistische Gruppen bilden, sodass der Krieg wahrscheinlich noch lange nicht zu Ende sein wird. Gleichzeitig erleben wir nun auch noch ein direktes Eingreifen von Israel. Die Hoffnung, dass mit dem Sieg über den IS der zivile Aufbau vollständig in den Mittelpunkt rücken könnte, ist leider durch die geopolitische Entwicklung der letzten Monate enttäuscht worden.

Der Krieg selber ist riesig. Da gibt es etwa das Problem, dass allein in Rakka 10'000 Menschen gekämpft haben. In dieser Zeit war die Vermittlung der Kultur der kurdischen Bewegung über Kritik und Selbstkritik oder die regelmässige Überprüfung des gemeinsamen Zusammenlebens an der Front sehr schwach. Das hat verschiedenste Gründe. Das war sprachlich bedingt, hatte aber auch kulturelle Ursachen. Deshalb wäre es wichtig gewesen, die revolutionäre Kultur besser zu verankern. Die Voraussetzung, dass dies überhaupt gelingen kann, wäre, dass Rojava einen offiziellen Status kriegt. Die ständige Bedrohung durch die Türkei und durch andere Kräfte verhindert eine Vertiefung der revolutionären Kultur. Zum Krieg selber sage ich nicht viel. Es ging darum zu zeigen, dass wir einen Beitrag zur Verteidigung der Revolution leisten wollten. Was ich erstaunlich fand, ist der Unterschied in der Kriegsführung zwischen den Kräften vor Ort und der «Bündnispartner» aus dem Westen. Es war eine totale Rücksichtslosigkeit von amerikanischer Seite zu spüren, weil die im Unterschied zur YPG nachher nicht mehr mit der Bevölkerung in Kontakt bleiben müssen. Die hatten ein anderes Interesse. Für die US-Armee/die Koalition sind Flächenbombardements, Waffentests und Uranmunition ein Teil dieses Krieges. Das zerstört viel - auch in ökologischer Hinsicht: Rakka liegt am Euphrat und ich fand es sehr erstaunlich, dass dort Uranmunition eingesetzt wurde (zu Beginn, als wir noch nicht da waren, auch Phosphor). Es ist wichtig, den Mythos einer existierenden Einheit zu dechiffrieren. Auch in der Kriegsführung gibt es keine Einheit, sondern unterschiedliche Interessen. Die kurdische Bewegung ist eine syrische Kraft und will keine unnötigen zivilen Opfer in Kauf nehmen. Das gilt für die westliche Koalition nicht. Denen ist das letztlich egal.

*Foto: Peter Schaber

Oft heisst es, die westliche Linke könne von der kurdischen Bewegung viel lernen. Was habt ihr während eurer Zeit in Kurdistan gelernt, was wir für unsere Kontexte hier brauchen können und wie lässt sich das adaptieren?

Auch hier gibt es vieles, aber ich glaube das Wichtigste ist die Gesellschaftsfähigkeit einer radikalen Linken. Es ist eine Linke, die sich nicht in eigene Räume zurückzieht und sich nicht abschottet von einer Gesellschaft, die sie für nicht brauchbar hält. Vor allem in Deutschland war das ein Thema. Es gibt durchaus Besserung, aber es war lange Zeit der Gestus einer radikalen oder autonomen Linken, die Restbevölkerung für verdorben und für nicht revolutionsfähig zu halten. Ich glaube, diese Sache, dass man in der Gesellschaft als ansprechbare, erkennbare Kraft arbeiten muss, ist die wichtigste Lektion. Das beinhaltet auch, zu bedenken, was das für sich selber bedeutet, also wie man Politik machen muss oder wie Diskussionen geführt werden können. Man kann viel über das eigene Gruppenleben und die Gestaltung dessen lernen, aber auch darüber, wie internationale Solidarität neu aufgebaut werden muss. Es gibt viele Aspekte, aber der Aspekt der Gesellschaftsfähigkeit und damit verbunden das Ziel, herauszufinden, was denn wirklich die drängendsten Fragen einer Gesellschaft sind, das ist für mich der zentrale Punkt. Ich glaube aber nicht, dass man das ausschliesslich von der kurdischen Bewegung lernen könnte.

Zum Abschluss: Seit eurer Reise nach Kurdistan ist ein Jahr vergangen. Ein Jahr, indem viel passiert ist (Befreiung Rakkas, Invasion in Afrin, Abzug der PKK aus Sindschar, etc.). Was bedeuten diese Veränderungen für die von euch besuchten Gebiete, Gruppen und Menschen?

Die Einnahme Afrins ist natürlich die bedeutendste Veränderung und hat noch einmal deutlich gezeigt, dass sowohl das Bündnis mit der russischen Seite als auch das Bündnis mit den Vereinigten Staaten ein sehr begrenztes ist. Es ist auch sehr begrenzt tragfähig, weil es die Türkei geschafft hat, sich zwischen beide Akteure zu stellen und von beiden Seiten Zugeständnisse zu fordern. Den Russen droht die Türkei, sich weiter der Nato anzunähern. Den USA droht Erdogan wiederum, sich mit Russland zu arrangieren. Sowohl Russland als auch die USA sind auf dieses Spiel eingegangen, weil die Türkei geostrategisch und regional ein wichtiger Staat ist. Damit haben sie die Invasion in Afrin ermöglicht. Die Invasion in Afrin hat aber gezeigt, dass die ansässige Bevölkerung die Region als ihr Zuhause betrachtet - im Unterschied zum Beispiel zur Endphase der Sowjetunion oder der DDR, als die Leute ihre - formal gesehen - eigenen Betriebe nicht verteidigt haben. Das hat damals aufgezeigt, dass etwas nicht stimmte. In Afrin war das nicht der Fall. Es war eindrucksvoll, dass inmitten der Bedrohung durch Luftschläge Massendemonstrationen mit Zehntausenden von Menschen stattgefunden haben. Mich hat ebenfalls beeindruckt, dass aus allen Kantonen Leute hingefahren sind. Normalerweise ist es eher umgekehrt und die Leute fliehen aus den Kriegsgebieten. Der Widerstand hat auch militärisch einen Eindruck hinterlassen, da dem Gegner trotz den widrigen Umständen stark zugesetzt wurde. Es ist klar, dass ein Gebiet wie Afrin - anders als in Kandil zum Beispiel - gegen Luftschläge und Panzerarmeen (die übrigens aus Deutschland stammen) nicht lange gehalten werden kann. Es ist ein kleines Gebiet und du hast eine unendliche Möglichkeit mit Distanzbombardements zu agieren. Trotzdem ist der Widerstand nicht vorbei, sondern findet in der Form von Guerillataktiken in einer Phase der Nadelstiche immer noch statt. Viele haben das Gefühl, der Kampf um Afrin sei verloren. Sicher ist die Stadt vollständig türkisch besetzt, aber es gibt immer noch genügend Kräfte, die dort als Guerilla Widerstand leisten. Das zeigt einerseits, wie tief verankert das Projekt in Afrin bereits ist und zum anderen, wie wenig Verlass auf solche internationalen vermeintlichen Partner in Wirklichkeit ist. Gleichzeitig ist es wichtig zu betonen, dass es auch noch einmal ein Moment war, der die Wichtigkeit der internationalistischen Kämpfer*innen bewiesen hat. Er hat gezeigt, welcher Politisierungseffekt die Leistung von internationalistischen Kämpfer*innen auf die Gesellschaft in ihren Heimatländern haben. Wenn ich zum Beispiel an Anna Campbell denke, die eine ganze Community in Grossbritannien politisiert und eine grosse Bewegung ausgelöst hat. Das ist sehr wichtig aus einer internationalistischen Perspektive. Als Rückkehrer aus der Kommune sind wir sehr stolz auf die Genoss*innen, die vor Ort ihren Beitrag zur Verteidigung Afrins geleistet haben.

Danke für das Gespräch.

Titelbild: Willi Effenberger